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Fokus
5.2016


 Das Handwerkliche erfährt parallel zu Schüben technologischer Entwicklung höchste Aufmerksamkeit. Dann gerät es neu in den Fokus: mit seinen Techniken, Materialien, Repräsentations­formen, kulturellen Zuordnungen. Damit setzt sich auch Rosemarie Trockel seit vielen Jahren auseinander.


Ansichten - Woman Crafts


von: Stefanie Manthey

  
Rosemarie Trockel · Leben heisst Strumpfhosen stricken, 1998, Farbfoto, Postkarten, Gänseeier, 142x85x20 cm ©ProLittiers, Courtesy Sprüth Magers


‹Leben heisst Strumpfhosen stricken› - so die Botschaft einer realitätsbezogenen und kessen Bodenarbeit von Rosemarie Trockel. Die installative Collage von 1998 zeigt die lebensgrosse Farbfotografie einer jungen Frau in entspannter Bauchlage. Ihr Oberkörper ist aus dem Fotopapier ausgeschnitten und mit einem Pappkeil unterlegt. In ihr Blickfeld sind fünfzehn Schwarz-Weiss-Postkarten und ein Exemplar der Eier-Edition Trockels radial so gruppiert, dass auch ein mitfotografierter Foxterrier sichtbar bleibt. In einer Linie mit der zweitobersten Reihe des gestrickten Ostereier-Rapports der schockoladenbraunen wärmenden Wollstrumpfhose liegen zwei im selben Muster bemalte Gänseeier. Die Spitzen dieser beiden plastischen Eier zeigen im Kontrast zu den gestrickten Eierformen nicht in Standard-Legeposition nach unten, sondern auf Colthöhe nach oben. Das rückt die bestrumpfhoste junge Frau in ein Verhältnis zu einer Zeichnung von Trockel, die hier als Postkarte vorkommt: ‹Die legendäre Ei-Ronny›, ein von ihr geprägter Sondertypus Cowgirl mit fünf Eiern. Ein fiktives Rollenmodell, das Machogesten subversiv kontert.
Dazwischen ist Raum geboten, um sich lustvoll selbstironisch mit den unterschwelligen Themen einer weiblichen Biografie zu beschäftigen, ohne dass es in ­einem wechselseitigen Eiertanz der Befindlichkeiten endet oder plakativ wird. Dazu zählen die eigene Biologie oder die Frage nach einer Haltung, die etwas anderes ermöglicht als Mitmachen, Reagieren oder Posieren. Diese gedanklichen Fährten basieren auf den Neunzigerjahren mit Protagonist/innen wie Cindy Sherman, Barbara Kruger, Martin Kippenbergers ‹Eiermann und seine(n) Ausleger(n)›, Madonna und Prince, und Themen wie Reproduktionsmedizin, Leihmutterschaft sowie Lifestyle im noch semi-digitalen Leben. Verhandelt wird hier ein Stück Privatsphäre, das sich mit einer Decke aufspannen lässt und in dem das Selbermachen seine Chance hat: Ob man den eigenen Artefakten traut und sich dazu bekennt, ist eine andere Frage. Mit ‹Leben heisst Strumpfhosen stricken› ist ein Anfang gemacht, in dem das Thema Ei kulturhistorisch durchdekliniert wird, Muster und Klischees als reversibel gedacht und als Tools vorgeschlagen werden. Die Eierstrumpfhose ist ein Prototyp geblieben. Das Format der installativen Collage liess Trockel bis 2002 zu anderen Themen in Serie gehen. 2012 hat sie einen vorläufigen Schlusspunkt gesetzt. «Woman Crafts» sind in Trockels Couture erfrischend ambivalent und langzeitsubversiv. Sie kontern weich und nutzen das Handwerkliche, das bei Selbstgestricktem und Musterkennung anfängt in eigener Sache. Das geschieht in dem Interesse, die Spezies der grossen Fragen analog zu dem Gestus vorzubringen, in dem sie im Leben vorkommen, sich zeigen, achtsam fokussiert bearbeiten und umstricken lassen: Dem Indirekten.
Stefanie Manthey, Mitarbeiterin bei Herzog & de Meuron, Autorin, stefanie.manthey@gmail.com


Bis: 18.05.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Life Itself [20.02.16-08.05.16]
Institutionen Moderna Museet [Stockholm/Schweden]
Autor/in Stefanie Manthey
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