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Besprechung
5.2016


Aoife Rosenmeyer :


Glarus : Unruly Relations - Freundschaft als künstlerische Praxis


  
links: Birgit Megerle · Ausstellungsansicht Kunsthaus Glarus, 2016, Courtesy Galerie Neu Berlin. Foto: Gunnar Meier
rechts: Stuart Middleton · I am just going outside and may be some time, 2016, Animation (Farbe Ton), 6'21'', Courtesy Carlos/Ishikawa, London. Foto: Gunnar Meier


Es sieht aus, als ob die Party vorbei und die Gäste nach Hause gegangen seien. Das ist in der Tat so, denn am Eröffnungsabend fanden zwei Performances statt und das ‹Video Recording 1 (Cyber and Victory - An Incorporation for 11 Characters and Voice)›, 2016, von Selina Grüter & Michèle Graf ist die höchst subjektive Dokumentation einer der beiden, derjenigen von Thomas Julier: Wir sehen eine Gruppe Menschen - sind es Freunde? -, die Strophen aus Ken Russells Film ‹Gothic› singen - eine ebenfalls fiktionale Erzählung des Zusammentreffens von Byron, Shelley, Claire Clairmont und Mary Wollstonecraf am Genfersee. Subtil wird die Mechanik von Kollaborationen aufgefächert: Zentral ist die Auswahl derjenigen, die beteiligt sind, die zu einem Werk beitragen und die immer auch ihre eigene Persönlichkeit mit einbringen. Spannungen sind programmiert, da Individuen gleichzeitig als Teil eines Kollektivs gefordert sind, doch vielleicht auch als Einzelstimmen Gehör finden wollen.
Doch so fruchtbar Kollaborationen sein mögen, Kunst-Cliquen können auch problematisch sein. Freundschaften spielen einen entscheidenden Faktor, wenn es um Sichtbarkeit und Erfolg in der Kunstszene geht. Die Schau weist auf Konstellationen von Künstler und Künstlerinnen, die vorgängig gemeinsam in Galerien und Off-Spaces aufgetreten sind. So kombiniert Birgit Mergele in ihren Porträtgemälden tatsächliche Freunde mit einer Wunschliste von Berühmtheiten. Dies lässt sich als Kritik von Netzwerken lesen, umso mehr als die arrogante Attitüde der Porträtierten das Publikum noch deutlicher zum Aussenseiter macht. Künstlerkollektive schaffen also nicht nur die Bedingungen für einen kreativen, innovativen Austausch. Ihre Mitglieder können auch Gefahr laufen, dass sie in einer selbstzentrierten Exklusivität etwas produzieren, das für Aussenstehende nicht entschlüsselbar und sinnvoll ist.
Es wirkt etwas ironisch, dass sich das herausragendste Werk der Schau um Isolation dreht. Stuart Middletons ‹I am just going outside and may be some time›, 2016, zitiert den verletzten Forscher Lawrence Oates, der in einem Schneesturm in den sicheren Tod hinausmarschierte, um seinen Kollegen bei der Expedition zum Südpol nicht weiter zur Last zu fallen. Middletons Stop-Motion-Animation beginnt in einem düsteren Raum mit einem Computer und einem leeren Kühlschrank, bevor sie dem Protagonisten durch einen Supermarkt und in einen Wald folgt. Diese Figur antwortet niemandem, sucht keine Bewilligung, benötigt keine Bestätigung und könnte der ansprechendste Charakter dieser Schau sein.

Bis: 08.05.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Unruly Relations [14.02.16-08.05.16]
Video Video
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Aoife Rosenmeyer
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