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Besprechung
5.2016


Daniel Hardmeier :  Seit vierzig Jahren fotografiert Barbara Davatz Menschen. Die Belegschaft einer Firma, Zwillinge, Paare zu unterschiedlichen Zeiten, Mitarbeiterinnen einer grossen Modekette. Einblick in diese unaufgeregt eindrücklichen Zeitdokumente gibt nun eine Überblicksausstellung in der Fotostiftung in Winterthur.


Winterthur : Barbara Davatz - Fotografie als enzyklopädische Reihung


  
Barbara Davaz · Carole und Serge, 1982, 1988, 1997, 2014, aus der Serie ‹As Time Goes By›, Schwarzweissaufnahmen ©ProLitteris


«Es beginnt immer mit dem Blick», beschreibt Barbara Davatz (*1944) ihre fotografische Arbeit. 1982 fotografiert sie zwölf junge Paare, die sie aufgrund eines jeweils ähnlichen Ausdrucks in den Kleidern, Haaren und in ihrem Auftreten faszinieren. 1988 holt sie diese Protagonist/innen erneut vor die Kamera, es folgen noch zwei weitere Male 1997 und 2014. Entstanden ist aus der ursprünglichen Dokumentation der Zürcher Szene die Langzeitstudie ‹As Time Goes By›, die in der Fotografiegeschichte wohl einzigartig ist. Das ursprüngliche Thema der Selbstdarstellung hat sich längst um gewichtige Facetten erweitert. Die enzyklopädisch anmutenden Reihungen erzählen von Veränderungen, in der Mode, in der Physiognomie, in den Beziehungen. Es sind nicht nur die Veränderungen der einzelnen Menschen, vielmehr wird die Studie zum eindrücklichen Zeitdokument, das den Wandel der Gesellschaft dokumentiert. Allein schon diese vollständig gezeigte Serie lohnt den Weg nach Winterthur, denn wie Davatz treffend formuliert, «das Emotionale liegt sozusagen zwischen den Bildern, in den imaginierten Lebensgeschichten oder in eigenen Erinnerungen, die geweckt werden». Letztendlich verdeutlichten die Fotografien das Fliessen der Zeit und das, was diese mit uns macht.
Ergänzt wird dieses Hauptwerk von Davatz durch ausgewählte weitere Bildfolgen. Eindringlich thematisieren die Doppelporträts von Zwillingen und die Aufnahmen verschiedener Generationen einer Familie in ‹Gsüün› Fragen nach der biologischen, genetischen oder sozialen Determinierung von Individuen. Für eine weitere Arbeit hat die Künstlerin 81 Verkäuferinnen und Verkäufer der Modekette H&M aufgenommen. Der Titel ‹Beauty Lies Within› ist einem Werbeslogan entnommen und steht doch emblematisch für diese multikulturelle Generation. Selbstbewusst und doch auch verletzlich stehen sie in ihrer individuell variierten Uniformität da.
Was all diese Serien verbindet, ist das strenge Aufnahmekonzept. Davaz zeigt ihre Figuren frontal, vor neutralem Hintergrund, in absoluter formaler Ruhe. Der direkte Blickkontakt und ein «emotionsloser» Ausdruck sind ihr wichtig. Sie nähert sich ­ihren Modellen unvoreingenommen mit Empathie und gibt ihnen somit Raum. Dieser Raum ist spürbar, die Bilder berühren und regen zum Nachdenken an. Der breite Querschnitt durch das Schaffen von Barbara Davatz in einer unaufgeregt ruhigen und konzentrierten Ausstellung ist absolut sehenswert.

Bis: 16.05.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Barbara Davatz [27.02.16-16.05.16]
Institutionen Fotostiftung Schweiz [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Daniel Hardmeier
Künstler/in Barbara Davatz
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