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Besprechung
5.2016


Fritz Balthaus :  Zuletzt vor fast dreissig Jahren zeigte Reinhard Mucha Arbeiten in den Kunsthallen Bern und Basel. Nun tritt er im Kunstmuseum Basel auf und durchmisst mit Kabeltrommeln, Meisterschülerzeugnissen, Werbecoupons, Transporthunden, Kabelbindern und Zollstöcken die Regeln alltäglichen und musealen Zeigens.


Basel : Reinhard Mucha - Auslegeware und Deutlandgerät


  
Reinhard Mucha · Installationsansichten Kunstmuseum Basel, 2016, ©ProLitteris. Foto: Gina Folly


Seine Objekte und Operationen findet Reinhard Mucha (*1950) in den Räumen des weitgehend vorgestalteten Alltags. ‹Das Deutschlandgerät›, ein Apparat, mit dem entgleiste Lokomotiven wieder aufgegleist werden, gab Muchas Biennalebeitrag im Deutschen Pavillon 1990 den Namen. Da Mucha das Eisenbahn- und das Kunstsystem auch als Welterklärungsmodelle versteht, können seine Schaukästen, Bilderrahmen, Vitrinen, Fussleisten und andere lebenssatte Dinge auch als Geräte im «Deutland» des Künstlers und seines Publikums verstanden werden.
Wenn einst Skulpturen aus Galerien ins Museum wanderten - dann zieht mit Muchas ‹Frankfurter Block› der ehemalige Galerieraum von Bärbel Grässlin in das Kunstmuseum Basel ein. Die zerlegbare ‹Galerie 4.1› [2016] 2014 gibt sich im Titel wie die Update-Version eines Rechnerprogramms und steht nun leicht verrückt im Raum. Auch Titel und typografische Feinheiten sind wichtige Einzelgerätschaften im «Deutland» von Mucha. So bedeuten die Jahreszahlen in eckigen Klammern die Beendigung einer Arbeit im umklammerten Jahr, während die Klammer selbst Grundrisszeichnung des Raumblocks sein können: 14 m x 9 m. Wie ein gerahmter, abgeschlossener «Zeitraum» im Text vorausgegangener und künftiger Ausstellungssituationen sind die Fussnoten im ‹Manual No. 5› so bedeutsam wie die Fussleisten beim mitgebrachten Gipskartonraum. Wie überhaupt alle Rahmen, Räume und Rituale des Alltags und des Museumsbetriebs. Auch der inzwischen verbotene Rostschutzanstrich mit giftiger Bleimennige durchwirkt orangerot die Gouachen der Arbeit ‹Der Stahlbaron - Auszüge aus dem grossen Kalender›, 1989. Mucha stellt mit dieser Farbe auch eine Verbindung zwischen dem Papier und dem Eisen des von ihm erlernten Schmiedeberufs her. Das immer wieder auftauchende Fussbänkchen als Sockel des kleinen Mannes entwertet an sich schon die Grundbedingung des musealen Erhöhens und nimmt das Messen im Handwerk und im Museum gleichermassen auf die Schippe: ‹Altbau gegen Neubau›, 2014, heisst die unentschiedene Fussbänkchenschräge, zwischen Satteldach- und Flachdachmoderne. Die vorgeführte Durchlässigkeit sozialer Räume und gelebter Zeiten spricht von der Öffnung anderer Systeme zu Bedingungen des Kunstsystems - und vom langen Atem des Künstlers Mucha.

Bis: 16.10.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Reinhard Mucha [19.03.16-16.10.16]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Gegenwart [Basel/Schweiz]
Autor/in Fritz Balthaus
Künstler/in Reinhard Mucha
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