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Besprechung
5.2016


Philipp Spillmann :  Das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum Bern zeigen rund 150 neuere Werke aus der Sammlung Sigg. Die Werke siedeln anschliessend in das Museum M+ in Hongkong über. Die letzte Gelegenheit also, die Fülle von Arbeiten chinesischer Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz zu sehen.


Bern : Chinese Whispers - Trügerische Vielfalt?


  
links: Sun Yuan & Peng Yu · Old People's Home, 2007, Installation mit 13 lebensgrossen Kunstharzfiguren auf motorisierten, fahrenden Rollstühlen, Dimensionen variabel, M+ Sigg Collection, Hongkong
rechts: Chi Lei · Aus der Serie: Red Star Motel, 2009, C-Print, 12-teilig, je 93x84 cm, M+ Sigg Collection, Hong Kong. Der Fotograf liess Freunde und Bekannte provokative Szenen in einem Motelzimmer nachstellen.


Zu jedem Personenkult gehört der Aufbau eines Mythos. Im Fall des Sammlers Uli Sigg beginnt dieser meist mit der Geschichte des ersten Joint Venture zwischen einem westlichen und einem chinesischem Unternehmen, das er auf die Beine stellte. Ganz im Zeichen eines Joint Venture steht auch die Ausstellung ‹Chinese Whispers›, mit der das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum Bern quasi die Generalprobe für ihre bevorstehende Vereinigung absolvieren. ‹Chinese Whispers› knüpft aber auch an einen Mythos an: die Wanderausstellung ‹Mahjong›, die Ai Weiwei und Bernard Fibicher 2005 für das Kunstmuseum Bern zusammengestellt haben und die international so erfolgreich war, dass ihr Katalog über die Jahre hinweg den Beinamen «Bibel» erhielt. Stellt sich also die Frage, was kann ‹Chinese Whispers› ihrem monumentalen Vorgänger überhaupt noch hinzufügen oder entgegenstellen?

Eine mögliche Antwort gibt der Tatbestand, dass lediglich Arbeiten gezeigt werden, die in den letzten fünfzehn Jahren entstanden sind. Geht man davon aus, dass Kunst eine Art Spiegel der Gesellschaft ist, müsste ‹Chinese Whispers› also die Geschichte Chinas seit den Nullerjahren reflektieren. Mit Untertiteln wie ‹Globale Kunst aus China› oder ‹Spuren des Wandels› tönt die Ausstellung bereits an, wie sie sich diese Geschichte vorstellt: als Geschichte der Globalisierung. Während ‹Chinese Whispers› konzeptionell also eher oberflächlich bleibt, gelingt ihr eine breite Auswahl von Künstler/innen, die erst in den letzten Jahren ins Rampenlicht getreten sind. Sechzehn der fünfundfünfzig Künstler/innen sind 1980 oder später geboren. Was interessiert diese jüngere Generation? Was erzählen sie über die Zeit, in der sie leben, und was für ein Bild ihres Landes lässt sich an ihrem Schaffen ablesen?

Einer der bekanntesten Künstler seiner Generation, der Konzeptkünstler He ­Xiangyu (*1986), ist in Bern mit seinen provokativeren Arbeiten zu Gast. Etwa eine lebensechte Harzskulptur nach Ai Weiwei mit dem Titel ‹Death of Marat›. Die Arbeit ist 2011 entstanden, als Reaktion auf Ais Inhaftierung durch die Behörden von Schanghai. Die Skulptur ruht mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Wie sie dahin gekommen ist und ob dieser Ai ermordet wurde oder nicht, bleibt unklar. Wenn es einen Täter gab, bleibt er unsichtbar und die Tat ohne erkennbare Spuren. So wird der Körper zum unheimlichen Fragezeichen, das auf die bedrohliche Abwesenheit von Antworten verweist. Indem die Tat mitsamt ihren Umständen fraglich bleibt, bleibt auch offen, wo die Bedrohung eigentlich liegt. Angesprochen wird hier also auf radikale Weise die Verbindung von sichtbarer und unsichtbarer Gewalt.

Ein etwas anderes Bild zeichnet der kantonesische Künstler Song Ta (*1988), der sich mit der Arbeit ‹Civil Servants›, 2009, den Beamten des Landes zuwendet. Er verleiht der Verwaltung gewissermassen ein Gesicht, indem er Personen verschiedenster Ämter mit feinen Bleistiftstrichen porträtiert. Rot umrandet stehen sie einsam und verletzlich auf dem leeren, gelben Grund der Büropapierblätter. Interpretiert man die Arbeit unter den Vorzeichen von Macht, wird diese ohne ihre technisch-bürokratischen Apparaturen geradezu human. In dem Sinn verweist die Arbeit einerseits auf Bürokratie als moderne Macht, andererseits thematisiert sie die Distanzen zwischen Bevölkerung und Behörden, welche oft über hunderte Kilometer hinweg miteinander in Beziehung stehen, ohne das Gesicht der anderen zu kennen.

Dennoch ist das Thema Macht alles andere als Mainstream bei den jungen Kunstschaffenden der Kollektion Sigg. Xu Di (*1982) etwa zeigt in der Werkserie ‹Lure of the Body›, 2011, Waren bzw. Designobjekte wie beispielsweise Sandalen, die er aus Meerestieren nachgebildet hat. So fügt er Leben, Tod, Gebrauch und Verbrauch, Glanz und Verwesung brutal zusammen und rückt moderne Warenästehtik in den Kontext einer feinen Grenze zwischen Ekel und Begehren. Das Sensorische ist auch ein zentrales Thema bei Cong Lingqi (*1982). Mit der raumfüllenden Multimedia-Installation ‹In Order to Prevent the Loss of Vision›, 2008, behandelt sie Fragen zur ästhetischen Erfahrungen blinder Menschen hinsichtlich von Natur und Landschaft. Im Kontext zunehmender Verstädterung wird Natur mehr und mehr zu einer Sehnsucht, welche im Falle Chinas mit einer traditionellen Wertschätzung von Landschaft verschmilzt, die stark an visuelle Deutungen des Raumes gebunden ist.

Obwohl ‹Chinese Whispers› deutlich kleiner als die Vorgängerausstellung ‹Mahjong› ist, umfasst sie eine immense Zahl an Arbeiten. Wenn die Schau also etwas zeigen kann, dann dies: Es gibt keinen Kanon chinesischer Gegenwartskunst. Die Ausstellung ist sichtlich darauf ausgerichtet, dem Publikum einen verständlichen Zugang zu schaffen. Doch damit gleitet sie dort ins Didaktische ab, wo sie hätte prinzipielle Fragen aufwerfen können. Zum Beispiel sind die Arbeiten räumlich und thematisch in vier übergeordnete Kategorien geordnet, die an sich praktisch nirgends problematisiert werden. Diese Selbstverständlichkeit erweckt den Anschein, als seien die Ordungen bereits an sich schon so gegeben. Zudem wird impliziert, dass sich jede der Arbeiten eindeutig einer dieser Kategorien zuordnen lässt. Dass die Ausstellung als Ausschnitt einer Sammlung eigentlich nur die Auswahl einer Auswahl bereitstellt, also bezüglich Repräsentativität eher kritisch betrachtet werden sollte, geht dabei beinahe unter. Vielleicht hätte man mit dem Material sogar die Frage stellen können, ob es eine genuin chinesische Kultur überhaupt gibt. Denn genau diese Einheit versucht die Kulturpolitik unter Staatspräsident Xi Jingping derzeit mit allen Mitteln zu zementieren.


Bis: 19.06.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Chinese Whispers (Sigg und M+Sigg Collections) [19.02.16-19.06.16]
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Institutionen Zentrum Paul Klee [Bern/Schweiz]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
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