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5.2016




Genève : Martin Widmer


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Martin Widmer · Objet VII ‹Miroir› n° 6, 2016, Ausstellungsansicht Centre de la Photographie, Genève
rechts: Martin Widmer · Construction du dos quatre: sertir und Objet VII ‹Miroir› n° 1 - V3, 2016, Ausstellungsansicht Centre de la Photographie, Genève


Die vier Fotografien von Martin Widmer (*1972, Neuchâtel), die zurzeit in der Doppelausstellung ‹Un art de la disparition› zusammen mit Jacques Berthet im Centre de la Photographie zu sehen sind, führen auf die Spur der Bewegungen, die wir meist unbewusst beim Fotografieren unternehmen. Wir treten vorwärts und zurück, beugen und strecken uns, um Form und Sinn vor dem Objektiv so stimmig wie möglich zusammenzustücken, und wir führen wieder einen ähnlichen Tanz auf, um unsere Wahrnehmung parzellierende Irrlichter auszublenden, die Linien einer Landschaft oder die Mimik eines Gesichts zu betrachten.
Drei der vier je eine ganze Wand besetzenden Fotografien von Widmer zeigen immer wieder den gleichen an eine Wand gelehnten verstaubten und versengten Spiegel, der ohne Zweifel schon viel gesehen hat. Widmer hat ihn so aufgenommen, dass auf zwei der Aufnahmen ein indirekter Blick aus dem gegenüberliegenden Fenster auf einen nebligen Tag und in eine funkelnde Nacht zu erhaschen ist, während auf der dritten verschwommen eine Ausstellung im Umbau erscheint: Skulpturen, Leinwände und Papierbögen, teils arrangiert, teils in zufälligen Konstellationen abgestellt. Auf der vierten Fotografie ist die Gelatine mit Hilfe von Aceton abgerieben worden. Nur noch fahle Erinnerungen an eine Aufnahme in Magenta, Cyan und Gelb sind auf auf dem Papier zu erkennen. Doch durch aufgeklebte kleine Abzüge, die Schatten einer Skulptur zeigen, hat Widmer das Spiel bereits wieder eröffnet.
Die vier Fotografien des seit 2012 auch als Kurator im Centre d'art Neuchâtel/CAN tätigen Künstlers thematisieren so nicht nur das ­Medium, sondern Kunst an und für sich als Teil einer intersubjektiven Kommunikation, deren materielle Realität wenig fassbar ist, auch wenn der materielle Aspekt von Kunst gerade im musealen Kontext oft erbarmungslos obsiegt und Kunst dort stumpf zu werden droht. Der die kleine, feine Accrochage wie um einen zusätzlichen Saal erweiternde Text, der unter Autohypnose entstanden ist, treibt diese Einsicht schliesslich auf die Spitze. So begibt sich der Künstler darin in die geheimnisvolle Ausstellung ‹L'Ambiguïté ou la Morte Inoubliée›, die er mit einer beeindruckenden Gleichbehandlung aller Elemente einzig und allein in seinem Gehirn einrichtet und betrachtet.

Bis: 08.05.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Berthet, Widmer [04.03.16-08.05.16]
Institutionen Centre de la Photographie Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Martin Widmer
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