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Hinweis
5.2016




Pully : Mingjun Luo


von: Alice Henkes

  
Mingjun Luo · Introspection. 2014, Öl auf Leinwand, Tryptichon, 55x70 cm


Reflexionen über Fremde und Heimat und die eigene Identität sind Konstanten im Werk von Mingjun Luo (*1963). Die in China geboren Künstlerin lebt seit 1987 in Biel. Das Musée d'art in Pully widmet Mingjun Luos Arbeiten über das tastende Wandeln zwischen den Kulturen eine sehenswerte Einzelschau. Selbstporträts mit Pinsel oder Fotokamera in der Hand haben Tradition. Das Autoporträt mit Arbeitsgerät dient der Selbsterkundung und gibt Auskunft über den Stellenwert der künstlerischen Arbeit für das sich darstellende Ich. Wenn eine exzellente Künstlerin sich in einem Gemälde dabei zeigt, wie sie sich mit einer Automatikkamera in einem Drehspiegel selber fotografiert, so verschiebt sich die bildimmanente Auskunft über das eigene Sein und Tun ins Fragende hin. Dies umso mehr, als das kleinformatige Ölbild, mit grosser Delikatesse gemalt, eine Schnappschuss-Situation zeigt: In der Hand, die den Auslöser betätigt, hält die Künstlerin ein rotes Kameraetui, als habe sie nur eben den Fotoapparat herausgeholt, um sich rasch zu vergewissern, dass sie noch da ist. Diese Überlegung wird umso dringlicher, wenn man die beiden Bilder betrachtet, die zusammen mit dem bereits genannten Gemälde das Tryptichon ‹Introspection›, 2014, ergeben. Eines zeigt exakt das gleiche Motiv wie das oben beschriebene Selbstporträt, nur in Schwarzweiss, das dritte Bild zeigt den Ausschnitt eines Zimmers, gewissermassen die Rückseite des Porträtbildes. Auch dieses Bild ist in jenen matten Grautönen gehalten, die die dominierende Farbe im Werk Mingjun Luos bilden.
In ihrem Werk, das neben Ölbildern und Zeichnungen auch Videos und Installationen umfasst, beschäftigt sich Mingjun Luo mit der Suche nach der eigenen Identität in einer fremden Kultur. Bekannt wurde sie mit ihren grossformatigen Gemälden, die Landschaften und Familienszenen in zarten Grautönen zeigen. Die Motive scheinen in Auflösung begriffen, wie Erinnerungen, die langsam, aber unaufhaltsam verblassen. Die Unsicherheit der Erinnerung, die Suche nach Spuren der eigenen Existenz in der alten Heimat - diese Motive finden sich auch in Videos wie «Elsewhere» (2015), das von einem Spaziergang zu Orten des Gestern erzählt, deren heutige Form der Künstlerin fremd geworden ist. Besonders eindrucksvoll ist die «chambre à broder». Traditionelle chinesische Haushalte verfügten über ein Stickzimmer, das den Frauen des Hauses vorbehalten war. Das Stickzimmer, das Mingjun Luo in Pully eingerichtet hat, ist eine multimediale Reflexion über Weiblichkeit, es erzählt von vorrevolutionären Frauenleben und zeitlos romantischen Mädchenträumen, von maoistischen Soldatinnen und der Sehnsucht nach verbotenen westlichen Luxusgütern wie Lippenstiften - und von der doppelten Entwurzelung einer Künstlerin, die durch die Kulturrevolution vom alten und durch ihr Leben im Ausland vom neuen China getrennt lebt.

Bis: 15.05.2016



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Luo Mingjun [03.03.16-15.05.16]
Institutionen Musée d'art de Pully [Pully/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Luo Mingjun
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