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Fokus
6.2016


 Bisher galt die Obsession von Marta Riniker-Radich der minu­tiösen Zeichnung von magischen architektonischen Räumen und Realitäten. Als Gewinnerin des Manor Kunstpreises präsentiert sie nun im Aargauer Kunsthaus Aarau einen installativen Kosmos, der neben Zeichnungen auch Videoprojektionen, Objekte und Texte umfasst. Die Arbeiten zeigen den menschlichen Körper im Spannungsfeld von Kontroll- und Hygienewahn und führen nebenbei auch an die Wurzeln von heutigen Wellness- und Gesundheitstrends.


Marta Riniker-Radich - Obsessive Persönlichkeiten


von: Sabine Rusterholz Petko

  
links: Extremely virulent poisons, 2016, Buntstift auf Papier, 21x29,7 cm
rechts: The nails should be trimmed close, 2016, HD-Video, Courtesy Aargauer Kunsthaus. Foto: David Aebi


Der Mensch war bis vor kurzem abwesend im Werk von Marta Riniker-Radich. Bekannt wurde die Künstlerin durch ihre kleinformatigen Perspektiven in fluoreszierende Suburbia, fantastische Architekturen und Opiat-schwere Innenräume, die eher mentalen als realen Räumen gleichen. Ihre grell leuchtenden Farb- und Bleistiftzeichnungen haben dabei den Detailreichtum und die Präzision wissenschaftlicher Illustrationen. Die surrealen Räume werden in manchen neueren Werken von organischen Strukturen überwuchert. In einzelnen Ausstellungen richtete die Künstlerin ihre Arbeiten zudem installativ aus und liess die mentalen Architekturen in den realen Raum wuchern. Doch ihre aktuellsten Werke stellen nun nicht mehr nur Räume, sondern den Menschen ins Zentrum. Riniker-Radich nimmt dabei historische Persönlichkeiten ins Visier, deren Obsessionen sie seziert und neu kultiviert. Im Aargauer Kunsthaus befragt sie das ambivalente Verhältnis zum Körper, zu Hygiene, Kontrolle und Macht. Wieder bedient sie sich des Mediums der minutiösen und farbintensiven Zeichnung, die sie neuerdings mit Videoprojektionen, Objekten und Texten ergänzt.

Cornflakes, Bädertherapie und Strafe
Ausgehend von den obsessiven Vorstellungen des amerikanischen Arztes und Sanatoriumsleiters Dr. John Harvey Kellogg (1852-1943), entwickelt Marta Riniker-Radich einen mehrteiligen Werkkomplex. Berühmt wurde Kellogg mit seinen Cornflakes, die er ab 1897 gemeinsam mit seinem Bruder produzierte. Weniger bekannt ist der Umstand, dass Kellogg ein vehementer Protagonist eines manischen Gesundheitskults war. Er sah den Ursprung vieler Krankheiten im ungesunden Lebens- und Ernährungsstil und war besessen davon, diesem Übel auf allen Ebenen entgegenzuwirken. Neben strikter Diät verordnete er sich selbst und seinen Anhängern eigens entwickelte Therapien, die wenig mit klassischer Schulmedizin und viel mit freikirchlichem und esoterischem Gedankengut zu tun hatten.
Seine Therapien, etwa die Hydro- und Lichttherapie, adressierten vor allem Magen- und Darmtrakt, dem er mit täglichen Spülungen zu Leibe rückte. In umfangreichen Schriften propagierte er neben einer obsessiven Reinigungs- und Kontrollpraxis sexuelle Enthaltsamkeit und strikten Vegetarismus. Solche Praktiken entsprachen damals durchaus dem Zeitgeist. Max Bircher-Benner (1867-1939), der Erfinder des Birchermüesli, leitete in Zürich ein Sanatorium mit ganz ähnlichen Vorstellungen und Therapiemethoden. Thomas Mann bezeichnete das Zürcher Sanatorium etwa als «hygienisches Zuchthaus». Kellogg stand hier vermutlich in nichts zurück und plädierte für Strafen als Antrieb für den Lern- und Heilungsprozess, besonders in seinen Lehren zu sexueller Enthaltsamkeit.

Venen, Sehnen, Schläuche und Peitschen
Riniker-Radich nimmt die Schriften und Praktiken von Kellogg zum Ausgangspunkt für eine subtile Auseinandersetzung mit dem Thema von Kontrolle und Macht über den eigenen und über fremde Körper. Durch die künstlerische Aneignung werden diese Vorstellungen einerseits modernisiert, andererseits in ihrer absurden Einzigartigkeit enthüllt. Kelloggs Überzeugung, dass der Körper unter Einfluss ungesunder Lebensweisen sich selbst vergiftet, übersetzt die Künstlerin in minutiös detaillierte, anatomische Lehrbuchzeichnungen von Eingeweiden, Gedärmen und operativen Eingriffen vor giftig neonleuchtendem Hintergrund. Als Titel wählt Riniker-Radich medizinische Beschreibungen von Kellogg selbst, wie ‹Extremely virulent poisons›, ‹Cloudy swelling of the muscles› und ‹A luxuriant coating of molds, yeasts, and bacteria›, alle 2015. In Vitrinen präsentiert sie zudem Textausschnitte aus Kelloggs ‹The uses of water in health and disease›, 1876.
Mit der Auswahl zeigt Riniker-Radich ihre Faszination für diese detailverliebten Ausführungen, insbesondere die stark überzeichneten, nahezu zwanghaften Bade- und Reinigungsverordnungen. Daneben sind in Vitrinen - quasi als Echo - verschiedene, von der Künstlerin entworfene Objekte drapiert, die an Peitschen oder Teppichklopfer erinnern. Sie sind aus Wasserschläuchen und Metalldrähten gefertigt, die Griffe mit buntem Kunstleder eingefasst und mit dem Titel ‹The thoughts mold the brain, as certainly as the brain molds the thoughts›, 2016, versehen. Sie akzentuieren den latenten Zusammenhang von Hygiene, körperlicher Disziplinierung und Gewalt. In ihrer Farbigkeit zeigen die Objekte aber auch enge Parallelen zu den Anatomiezeichnungen, wo Schläuche und Drähte als Parallelen zu Venen und Sehnen erscheinen. Die klinische Ausleuchtung mit Neonlicht im Ausstellungsraum ist eine Anspielung auf Lichttherapien, die ebenfalls auf Kellogg zurückgehen.
In zwei weiteren Räumen wird eine Serie von Videoprojektionen gezeigt, in der die Künstlerin in abstrahierenden Close-ups die Massageanleitungen von Kellogg an verschiedenen Körperteilen anwendet. Auch hier pendeln die intimen Berührungen, die eigentümlich jäh in die Körper einwirken, zwischen Zuwendung und Gewalt. Die Titel beschreiben wiederum Kelloggs pedantische Anweisungen für die saubere Ausführung der Massagetechniken. Ein irritierender, synthetisch klopfender Soundtrack untermalt die ansonsten stummen Videoprojektionen.

Obsession als Antrieb für Grandiosität
Exzentrische Persönlichkeiten, die ein eigenes obsessives Weltanschauungs- System erschaffen, haben es Riniker-Radich in ihren neuen Arbeiten angetan. Bevor sie sich dem Kosmos von Kellogg widmete, beschäftigte sie sich unter anderem mit den soziokulturellen und mentalen Auswirkungen der Ölindustrie auf die texanische Gesellschaft, Inhalte, die in eine Künstlerpublikation, aber auch in einzelne Werkkomplexe einflossen. Hier stiess sie etwa auf die Gebrüder Hunt, deren Obsessionen sie in einer detailreichen, fiktiven Kurzgeschichte verarbeitete. Für ihre Absicht, den globalen Silbermarkt zu beherrschen, wurden die Hunt-Brüder - beide Gründer mehrerer Ölkonzerne - Ende der 1970er berühmt und berüchtigt. In einer Serie von Zeichnungen erweitert Riniker-Radich den Kosmos der Brüder mit einer fiktiven Zierwaffen-Sammlung, die den einst bedeutenden Männern eine merkwürdig kindliche Charaktereigenschaft verleiht. Die Zeichnungen zeigen die Schwerter dekorativ verschnörkelt, teils Waffen, teils schon fast Spielzeug. Daneben liegen in der Vitrine als Augäpfel bemalte Kugeln. Ganz ähnlich wie bei Kellogg steht auch hier die Frage im Vordergrund, was Menschen antreibt, die ihren Weg in die Geschichtsbücher schaffen. Es geht der Künstlerin um obsessive Neigungen und individuelle Antriebe, von denen sie annimmt, dass sie historische Persönlichkeiten hintergründig prägen. Mittelbar beeinflussen solche Obsessionen dann den Gang der Weltgeschichte.

Macht, Kontrolle, Perfektion und Gesundheitswahn

Was diese Arbeiten verbindet, ist die zwanghafte Liebe zum Detail. Sie ist der gemeinsame Nenner des exzentrischen Individualismus, der Kontrolle und Macht auch in symbolischen Formen sucht. Dieses verbindende Element des Gesundheitsgurus und der Öltycoons macht Riniker-Radich in ihren Arbeiten sichtbar. In diesem Detail begegnen sich aber auch die historischen Protagonist/innen und die Künstlerin, der es nicht fremd ist, den ganzen Tag am Zeichentisch zu verbringen und detailversessene Realitäten zu schaffen. An den historischen Pionieren legt Riniker-Radich schliesslich auch Züge frei, die den heutigen Zeitgeist prägen. Der Wunsch nach der perfekten Kontrolle des eigenen Körpers, der Gesundheit und der Dinge, mit denen wir uns umgeben, gehört heute zum Lifestyle vieler Menschen, ist nicht mehr nur ein Privileg der Gesundheitsgurus und Wirtschaftsmogule. Was einmal im Kleinen und Privaten begann, sind heute zudem soziale und wirtschaftliche Kräfte, die den Alltag entscheidend beeinflussen. Die historischen Exzentriker machen die neurotischen Dimensionen von heutigen Lifestyles folgenschwer spürbar. Indem Riniker-Radich diese Personen fiktiv erweitert, aktualisiert sie ihre Motive und macht sie zu einem bizarren Spiegel unserer selbst.
Sabine Rusterholz Petko, Kunsthistorikerin, freie Kuratorin, Autorin, Zürich. sabine.rusterholz@gmail.com



Bis: 07.08.2016


Marta Riniker-Radich (*1982, Bern) lebt in Genf
2016 Manor Kunstpreis Aarau 2016, Aargauer Kunsthaus

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Manor Kunstpreis, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2015 ‹The sharpest pencil in the stack›, 8, rue Saint-Bon, Paris
2013 ‹Scuffling grinding tearing pounding banging slamming›, Kunsthaus Langenthal, Langenthal
2012 ‹The Color of Mud and Clouds›, Galerie Francesca Pia, Zürich
2011 ‹Sons of Crocodile Hunters›, Hard Hat, Genf

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Wer wagt mit mir ein Tänzchen, der wird sich verrenken›, Forde, Genf;
‹Stipendium Vordemberge-Gildewart›, Centre Pasqu'Art, Biel; ‹Cloud in Cave›, Fri-Art, Fribourg;
‹A Form is a Social Gatherer›, Plymouth Rock, Zürich
2014 ‹A Place Like This›, Klöntal Triennale, Kunsthaus Glarus, Glarus
2013 ‹Hotel Abisso›, Centre d'Art Contemporain, Genf
2012 ‹La jeunesse est un art›, Aargauer Kunsthaus, Aarau



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Ausgabe 6  2016
Ausstellungen Marta Riniker-Radich [30.04.16-07.08.16]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Sabine Rusterholz Petko
Künstler/in Marta Riniker-Radich
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