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Besprechung
6.2016


Stefanie Manthey :  Schlüsselwerke sind eine eigene Kategorie. Das Kunstmuseum Basel ist dank kontinuierlicher Sammlungsarbeit damit reich bestückt. Bernhard Mendes Bürgi setzt für die Eröffnungsschau auf Pendants, Geschwister- und Kontrastwerke aus internationalen Sammlungen zu hauseigenen Werken.


Basel : Sculpture on the Move — Auftakt im erweiterten Kunstmuseum


  
links: Sculpture on the Move 1946-2016, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2016. Foto: Julian Salinas
rechts: Felix Gonzalez-Torres · Untitled (USA Today), 1990; Jeff Koons, Rabbit, 1986; Charles Ray, Male Mannequin, 1990; Robert Gober, Playpen, 1986; Katharina Fritsch, Warengestell mit Gehirnen, 1989/1997, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Basel | Neubau, Erdgeschoss. Foto: Gina Folly


Donald Judds ‹Untitled›,1969) wurde 1975 unter Franz Meyer angekauft: sechs, in einem Abstand von 25 cm zu platzierende Stahlkuben aus kalt gewalztem Stahl. Sie markieren einen Moment in der Erneuerung skulpturalen Schaffens, welche die Ausstellung nun über sechzig Jahre mitverfolgt. Der Gliederung in drei Kapitel, ab 1946, 1980 und 1990, entsprechen drei Raumeinheiten, mit denen die Ausstellung programmatisch den Neubau von Christ & Gantenbein in ein Verhältnis zum Kunstmuseum Basel I Gegenwart setzt und den Hauptbau punktuell miteinbezieht. Im Museum I Gegenwart nimmt das Kapitel ab 1990 das gesamte Erdgeschoss ein. Im grossen Lichthof steht eine der raren ‹Cellules› von Absalon: mobile, weiss getünchte, auf seine Körpergrösse (190 cm) angepasste Wohneinheiten für Paris, New York, Zürich, Frankfurt/M und Tokyo. Absalon plante in ihnen zu leben, bevor er 1993 frühzeitig starb. ‹Cellule No.5› ist ein Zwitter aus Mönchszelle und Wachturm mit heraufziehbarer Leiter. Der Blick von innen durch die schartenähnlichen Öffnungen lässt den Museumsraum als Aussenraum erscheinen. In der Strasse vor ihrem Londoner Atelier sah Rachel Whiteread die ausrangierte Matratze, die ihr dann als Vorbild für ‹Amber Bed› im Positiv-Negativguss aus bernsteinfarbenem Gummi diente. Sie lehnt nun statt an einer Haus- an einer Museumswand. Matthew Barneys monumentaler Cremaster-Zyklus wird durch das ‹Cabinet of Gary Gilmore and Nicole Baker› eingeführt, Cattelans an der Garderobe hängender Doppelgänger im Filzanzug kontert das Revolutionspathos von Beuys.
Chronologisch setzt die Schau im zweiten Geschoss des Neubaus mit Werken von Giacometti und Brancusi ein. Sie schreitet in Siebenmeilenstiefeln durch Ateliers und Werkstätten zu Orten, die sich dem Institutionellen entziehen: von der Bowery zu Warhols ‹Silver Factory› oder zu Edison Inc., Ellsworth Kellys Produktionsstätte einer zweifarbigen Aluminium-Wippe, bis hin zu Robert Smithsons ‹Spiral Jetty› in einem Salzsee in Utah. In den Ateliers von Bruce Nauman, Richard Serra und Eva Hesse hält sie länger inne. Hesse bemerkte in ihrem letzten Interview 1970: «I want to extend my art perhaps into something that doesn't exist yet.... Like falling off the edge? Yes I would like to do that.» Wie dieses Ausloten von Grenzen in den Achtzigerjahren wieder Skulptur geworden ist, führt Bürgi im stützenlosen Erdgeschossraum des Neubaus mit Charles Rays ‹Male Mannequin› ein: eine für einmal nicht geschlechtslose Schaufensterpuppe. Wir werden im Rückgriff auf Stofftiere, Kindermobiliar, Standardarchitektur und 260 identischen Gehirnabgüssen mit Fragen danach konfrontiert, was unsere Körper und Verhaltensformen prägt. Und begegnen immer wieder Bruce Nauman als nicht konforme Schlüsselfigur im fliessenden Übergang zwischen den drei Häusern.


Bis: 18.09.2016



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Ausgabe 6  2016
Autor/in Stefanie Manthey
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