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Besprechung
6.2016


Hans Rudolf Reust :  ‹As close as possible› nennt Alex Hanimann seine Topografie von Arbeiten auf Papier, die er in den intimen Wohnräumen der Villa im Museum Bellpark Kriens entwickelt. Gibt es eine grös­sere Nähe zu Kunst, als sich den Weg durch ein persönliches Gedächtnis frei zu wählen?


Kriens : Alex Hanimann - Mein Gang durch sein Gedächtnis


  
links: Alex Hanimann · o. T. [architecture], undatiert, Laserprint auf Papier, 42x28,7 cm ©ProLitteris
rechts: Alex Hanimann · o. T. [architecture], undatiert, Tempera auf Papier, 42x28,2 cm ©ProLitteris


Allein die Fülle von Bildern ist beeindruckend, die, meist in zwei übereinanderliegenden Bändern, den Wänden des ganzen Hauses entlangläuft. Dabei kann die Technik von einem Blatt zum nächsten fortwährend wechseln: Bleistift, Kugelschreiber, Filzstift, Tusche, auch fotografische Vorlagen werden gleichwertig nebeneinander gezeigt. Die Rahmung durch Passepartout und Glas belässt den einzelnen Blättern ihre eigene Sphäre und erlaubt auch eine fokussierte Wahrnehmung. So entsteht ein Panorama vielfältiger Assoziationen, ohne dass sich Erzählungen vordrängen würden. Der innere Film entspinnt sich individuell, wie wenn wir Bruchstücke von Erinnerungen in verschiedenen Zuständen zwischen Tag und Traum wachrufen.
Alex Hanimann (*1955, Mörschwil) legt seit vielen Jahren eine umfassende Sammlung gefundener Bilder an. Aus diesem Archiv wählt er Motive aus, um sie mit manueller Kopie, digitaler Bildbearbeitung oder freier Handzeichnung weiterzuentwickeln. In einem Planschrank liegen schliesslich mehrere hundert Blätter, ohne Datierung und ohne Titel, die er zuweilen wieder aufgreift und verändert. In immer neuen Konstellationen bleibt die Verwendung der einzelnen Bilder stets im Fluss. So kann sich die Bedeutung jedes Blattes durch den Kontext verschieben, in den es durch eine Ausstellung temporär versetzt wird. Die aktuelle Auswahl nimmt dieses Spiel zwischen Elementen aus einem immensen Fundus exzessiv auf. Nur die Räume, Treppen und Korridore der Villa rhythmisieren einen Verlauf, in dem sich erst allmählich Querbezüge und thematische Felder abzeichnen. Für einmal gibt es auch keine Tische, die Hanimann häufig als Rahmung für eine horizontal offene Lektüre von Worten oder Bildern eingesetzt hat. Regeln für die Verknüpfung des Gesehenen und Gedachten dürfen wir in diesem Strom von Einzelbildern spontan setzen und umgehend ändern. Rein formale, ornamentale Bezüge unter Geometrien oder freien Linien sind ebenso denkbar wie inhaltliche Reibung zwischen grafisch stilisierten Zinnsoldaten und ­einer Fotografie von Kindersoldaten.
Ob sich diese Bildstränge in Schwarz und Weiss schliesslich zu einem Orbis pictus, einem gezeichneten Weltkreis fügen? Die vergebliche Suche nach bekannten Motiven vertieft den Eindruck, dass selbst dieser offenen Auswahl eine subtile Regie zugrunde liegt: Pferde, Elefanten, Tiere überhaupt fehlen hier im Kosmos. Dafür treten diesmal vielerlei Menschen ins Raster - und dagegen an.

Bis: 10.07.2016



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Ausgabe 6  2016
Ausstellungen Alex Hanimann [01.05.16-10.07.16]
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Alex Hanimann
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