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Besprechung
6.2016


Philipp Spillmann :  Im Juni stimmen die Briten über den Austritt aus der Europäischen Union ab. Der deutsche Künstler Wolfgang Tillmans hat sich dazu eingeschaltet - allerdings nicht mit einer Fotoserie, sondern mit einer Posterkampagne. Die grossartigen Poster stellt er im Netz zum Download frei zur Verfügung.


London/Berlin : Wolfgang Tillmans - Between Bridges


  
Wolfgang Tillmans, Poster


Egal, was kommt: Der 23. Juni 2016 wird als Wendepunkt in die europäische Geschichte eingehen. An diesem Tag stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land auch in Zukunft zur EU gehören wird oder nicht. Zumindest jene, die sich bis zum 7. Juni für die Wahl registrieren. Damit das auch möglichst viele tun, hat der in London und Berlin lebende Künstler Wolfgang Tillmans (*1968) im April die Posterkampagne ‹Between Bridges› lanciert. 25 Poster zeigt der Fotograf auf seiner Web­site, 11 davon mit fotografischem Hintergrund. Sie sind zum Download freigegeben. Die Kampagne ist nämlich eine Guerilla-Aktion.
Dass sich Künstler/innen und Kunstinstitutionen für Europa oder dessen Krisen und Abgründe interessieren, ist nicht ungewöhnlich. Auch gibt es viele Kunstschaffende, die sich über ihre eigene Praxis hinaus politisch engagieren. Besonders an Tillmans Kampagne ist die Art und Weise, wie beides miteinander verschmilzt: Nachdenkliche Slogans wie «No man is an island. No country by itself.» oder «What is lost is lost forever» stehen vor weitläufigen Horizonten oder menschenleeren Klippen. Die meisten Poster sind zweigeteilt, in eine pessimistische und eine optimistischen Seite, die etwa durch schwere Wolkendecken oder helle Abendhimmel verbildlicht werden. Auch die Stimmung ist gespalten: Sie ist zugleich nostalgisch und unheimlich, melancholisch und hoffnungsvoll. Kurz: Tillmans-Ästhetik der späten Neunzigerjahre (der Zeit, als die EU noch als Hoffnungsprojekt galt) trifft auf politische Aktion. Die Poster könnten ebenso in einer Ausstellung hängen, tun sie aber nicht. Und das ist entscheidend. Denn so reflektieren sie nicht nur die politische Entscheidungsfindung, sondern sind selbst Teil davon. Was sie reflektieren, sind die Bedingungen der bevorstehenden Entscheidung. Die Betrachtenden - zugleich Betroffenen - schweben weit über dem Boden: isoliert, verlassen, ohne Halt. Die Welt vor ihren Augen ist ungreifbar, ungegenständlich und undurchschaubar. Das Auge ist der Leere ebenso ausgeliefert wie den Phrasen, die sich vor diese Leere stellen. So fordern die Poster zum Nachdenken auf - allerdings nicht zum Nachdenken über die EU, sondern über Gemeinschaft (oder wenn man will: «Polis») überhaupt. Eine Gemeinschaft, die vor dem visuellen Verlassensein der Bilder zur wehmütigen Sehnsucht wird. Die Botschaft ist klar: Einsam zu sein heisst, verloren zu sein. Der 23. Juni ist vielleicht der letzte Halt.



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Ausgabe 6  2016
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Wolfgang Tillmans
Link http://tillmans.co.uk
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