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6.2016




Susanne Keller, Julia Bolli


von: Feli Schindler

  
links: Julia Bolli · Ohne Titel, 2016
rechts: Susanne Keller · Das Wachsfiguren-Kabinett, 2008


Es ist schon so: Das aargauische Städtchen Brugg befindet sich nicht am Nabel des helvetischen Kunstgeschehens. Und so fanden sich auch nur wenige Personen an der Vernissage im Zimmermannhaus am Ufer der Reuss ein. Leider, muss man sagen, denn die beiden Zürcher Künstlerinnen Julia Bolli (*1982) und Susanne Keller (*1980) haben mit der Kuratorin Drahu Kohout eine kleine, feine Schau auf die Beine gestellt.
Gleich im Erdgeschoss empfangen einen Kellers verspielte Bühnenobjekte. Ein Dreifuss, einem kopflosen Revuegirl ähnlich, trägt einen Guckkasten vor sich her, wo rosa Rosen den Himmel zieren, fotokopierte Marmorbüsten von der Decke baumeln und Rosa Luxemburgs Bildnis zwischen Fäden eingespannt ist. Auf schmalen Spruchbändern, die der berühmten Kommunistin aus dem Hirn spriessen, steht in Endlosschlaufen geschrieben: «Brech­gesang, Gesang, Sprechgesang, Brechgesang...» Gertrude Steins Zitat der Rose, die ein Rose ist, und Rosa Luxemburgs traurige Biografie bilden den Referenzraum dieser romantischen «Bebilderungsbühne»: Bricolage und weibliches Kabinett in einem. Bonbonfarbene, handkolorierte Inkjetprints und eine Serie von grobkörnigen Landschaftsfotografien ergänzen den stimmigen Raum der gelernten Fotografin und an der ZHdK ausgebildeten Künstlerin.
Weiblichkeit und Sexualität auch in den Gemälden von Julia Bolli. Die junge Zürcherin zeigt im Obergeschoss erst einmal Figuratives: Ein kopfloser, massiger Mensch sitzt mit gespreizten Beinen in der Hocke auf dem Boden. Aus dem Halsstrunk ergiesst sich ein weisser Schwall Flüssigkeit. «Ein Selbstporträt», kommentiert die Master-of-Fine-Arts-Studentin an der HSLU. Was doch einigermassen erstaunt angesichts der zierlichen Gestalt der realen Person. Was kotzt die Figur aus? Selbstbildnisse werden später am Computerbildschirm bis zur Unkenntlichkeit verändert. Bollis Arbeiten, die auch als wachs- und lackbehandelte Glasminiaturen ihren Reiz entwickeln, werden zunehmend abstrakter. So entstehen aus Körperaufnahmen Würmer, Hirnwindungen, amöbenhafte Wesen und ein Stöpsel (oder ein Phallus?). Sie suche, so Bolli, nach den Ursprüngen des Lebens. Bunt und rätselhaft ist diese Suche, wie auch das Universum der beiden Künstlerinnen. Der Weg nach Brugg lohnt durchaus. Provinz ist nicht immer pro­vinziell.



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Ausgabe 6  2016
Ausstellungen Julia Bolli, Susanne Keller [29.04.16-12.06.16]
Institutionen Zimmermannhaus [Brugg/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
Künstler/in Susanne Keller
Künstler/in Julia Bolli
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