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6.2016




München : Michaela Melián


von: Roberta, De Righi

  
links: Michaela Melián · Electric Ladyland und Mannheim Chair, Wandbild, Installationsansicht Lenbachhaus ©ProLitteris
rechts: Michaela Melián ©ProLitteris. Foto: Thomas Meinecke


Der Raum lebt, er atmet, seufzt - und singt. Für ihre Multimedia-Installation ‹Electric Ladyland› im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses spielte Michaela Melián (*1956) ihre Version einer Arie der Olympia aus ‹Hoffmanns Erzählungen› ein, eine Musik, die sogar die Glühbirnen im Walzertakt aufglimmen lässt. Ob Olympia oder die Maschinen-Maria in ‹Metropolis› - der Automat war oft eine Frau, erdacht und erschaffen von einem Mann. Melián setzt sich aus der weiblichen Perspektive mit Androiden, Cyborgs und Homunculi auseinander und erweitert das Thema zur Reflexion über die Schöpfung im Zeitalter der genetischen Reproduzierbarkeit.
Die Münchnerin ist Gründungsmitglied der Avantgarde-Band F.S.K. und lehrt seit 2010 an der Hamburger Kunsthochschule als Professorin für zeitbezogene Medien. Nun formte sie den Schlauch des Kunstbaus um in eine anspielungsreiche Klang-und-Bild-Landschaft. ‹Electric Ladyland› bezieht sich auf Jimi Hendrix' gleichnamiges Album und besteht aus 16 Lautsprechern sowie 70 Meter breiten, bedruckten Stoffbahnen, auf denen zwischen Roboter-Frauen und Frankensteins Labor eine DNA-Doppelhelix erkennbar ist.
Erstaunlich nur, dass dies die erste grosse Einzelausstellung ist, mit der ihre Heimatstadt diese Künstlerin ehrt, deren Hightech-Perfektion oft zur Reflexion der Vergangenheit anstiftet. So wie die ‹Memory Loops›, ein akustisches Erinnerungsprojekt an Münchens NS-Vergangenheit, das sie 2010 entwickelte.
Zu sehen sind auch ältere Arbeiten, etwa vierzig Hocker und ein rotierendes Bett aus ‹Convention›, 1999/2006, und ‹Andante Calmo›, 2014, sowie die ‹Mannheim Chairs›, 2015: von der Decke hängende Sessel mit integriertem Soundsystem, in denen einen Musik wie eine warme Decke einhüllt. Und das bewegte Lichtspiel ‹Lunapark› von 2012, das als Hommage an Moholy-Nagy eine utopische Stadt aus Glas aufleuchten lässt. ‹Föhrenwald› von 2005 schliesslich, Meliáns preisgekrönte Dokumentation einer bayerischen NS-Siedlung, bildet den Schluss- und Höhepunkt. Einst lag dort Nazideutschlands grösste Munitionsfabrik mit Zwangsarbeitern, nach Kriegsende wurden dort bis zu 5300 «Displaced Persons», Holocaust-Überlebende, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten, untergebracht. ‹Föhrenwald› ist eine vielschichtige und mehrstimmige Erzählung, die deutsche Geschichte wie unter dem Brennglas sichtbar macht. Und sie offenbart exemplarisch Meliáns Begabung, aus verschiedenen Strängen ein Ganzes zu komponieren - und ihm Leben einzuhauchen.

Bis: 12.06.2016



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Ausgabe 6  2016
Ausstellungen Michaela Melián [08.03.16-12.06.16]
Institutionen Städt. Galerie Lenbachhaus/Kunstbau [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Michaela Melián
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