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Hinweis
6.2016




St. Gallen : Gerwald Rockenschaub


von: Niklaus Oberholzer

  
Gerwald Rockenschaub · Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Stefan Rohner


Wer glaubt, Gerwald Rockenschaub (*1952, Linz) auf die Schliche zu kommen, sieht sich rasch getäuscht: Der Künstler führt Besuchende seiner Ausstellung mit kühlen kubischen Objekten und mit ebenso kalten Bildern immer wieder hinters Licht. Er tut das mit geradezu virtuosem Geschick im Umgang mit den schönen Museumsräumen.
Der Zugang zum ersten Saal scheint versperrt. Eine glatte, horizontal zweigeteilte Wand, unten in Blau, oben in Magenta, verwehrt uns den Zugang - allerdings nur beinahe, denn seitlich bleibt knapper Raum. Beim Durchschreiten erkennen wir: Das ist gar keine Wand, sondern eine Skulptur in schönsten Proportionen, bestehend aus zwei verschoben aufeinander geschichteten Kuben mit höchst künstlicher, auf industrielle Fertigung verweisender Farbgebung. Nach diesem Auftakt geht's spielerisch weiter: An einer Wand sind, knapp unter der Decke, gelbe und rote Ostereier-Formen angebracht, an einer anderen und weiter unten ein blauer Kreis mit roten Tupfen. Rockenschaub schuf damit ein den klassischen Museumsraum störendes Arrangement seiner 2007 und 2011 entstandenen Arbeiten. Er schuf aber auch ein Arrangement, das den Raum erst einmal neu erfahren und auf seine Qualitäten hin befragen lässt. Ähnlich geht der Künstler im grossen Oberlichtsaal vor, der schon oft als ­einer der schönsten Museumsräume der Schweiz gelobt wurde: Zwanzig, je zwei auf drei Meter messende Plexiglasplatten sind an die Wände geschraubt, die Mehrzahl korrekt rechtwinklig, einige aber so abgedreht, dass Ruhe nicht aufkommen kann. Ruhe werden aufmerksame Besucher/innen hier ohnehin kaum finden. Je nach Lichtverhältnissen wechselt sich Mattes (die Wand) mit Glänzendem (Plexiglas) ab. Weiss ist beides. Je nach Standort begegnet, wer sich in diesem Raum bewegt, seinem eigenen wankenden und nur verschwommen wahrnehmbaren, fahlen Spiegelbild. Rockenschaubs Inszenierung ist banal, wie auch die Farbkonstellationen im vorher erwähnten Raum banal wirken. Nicht banal ist aber, was man im Oberlichtsaal in Bezug auf sich selbst erfährt: Verlorenheit? Leere? Einsamkeit? Oder, mit Blick in das Spiegelnde des Plexiglases, ständige Bewegung?
Rockenschaub stellt mit seinen stets auf den konkreten Architekturkontext hin getrimmten Installationen unser Raumempfinden auf den Prüfstand. Zugleich erinnert er uns, da er mit seinen Arbeiten spielerisch die Grenzen zu Neo-Geo, Minimal, Konstruktivismus ritzt, an Gesehenes und lässt uns so auch unser Erinnerungsvermögen befragen. Hilfe bietet er kaum. Vielmehr legt er immer wieder augenzwinkernd falsche Fährten, wie ein Augenschein in den beiden langgezogenen Seitenräumen des Museums zeigt, die er beide zu klassischen Bildergalerien macht. Im nördlichen sind es 13 Bilder aus industriell gefertigten und zugeschnittenen Kunststofffolien, die zwischen der Banalität trivialer Werbe-Farbigkeit und klassisch-modernem Tiefsinn oszillieren. Im südlichen Fenstersaal fügt er elf «Intarsien», aus Laser geschnittenem buntem Acrylglas, zu einer Galerie augenschmeichelnder Bilder. Schwere pathetische Eichenrahmen setzen zur Schlichtheit - oder Banalität? - ihrer Formen und Farben einen hinterhältigen Kontrast.

Bis: 19.06.2016



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Ausgabe 6  2016
Ausstellungen Gerwald Rockenschaub [12.03.16-19.06.16]
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Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Gerwald Rockenschaub
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