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Fokus
6.2016


 In Freiburg i.Br. und in Basel sind aktuell Arbeiten der Künstlerin Gabriela Löffel zu sehen. In komplexen filmischen Werken ­seziert sie Vorgänge auf politischen Nebenschauplätzen - und verlangt dabei ihrem Publikum einiges ab. Das Gespräch umkreist verschiedene Facetten ihrer Filmproduktionen.


Gabriela Löffel - Die beunruhigende Abstraktion der Macht


von: Brita Polzer

  
links: The Case, 2015, Zweikanal-Videoinstallation, 34'
rechts: The Case, 2015, Zweikanal-Videoinstallation, 34'


Polzer: Deine Filme sind sehr vielschichtig, darum möchte ich mich vor allem auf eine der neueren Arbeiten konzentrieren: ‹The Case› - Der Fall. Du lebst in Genf, einem Ort, der bekannt ist als Drehscheibe für internationale Verhandlungen. Dort findet nicht nur der bekannte ‹Concours Michel Nançoz› des Anwaltsverbands statt, sondern auch der ‹ELSA Moot Court Competition on WTO Law›. Du hast diesen Wettbewerb der ‹European Law Students' Association› gefilmt, kannst du uns ein wenig über diese Plattform erzählen?

Löffel: Es handelt sich um einen Plädoyer-Wettbewerb im Welthandelsrecht, der jährlich an internationalen Universitäten ausgetragen wird. 2014 fand die Durchführung ab dem Viertelfinale im Hauptsitz der World Trade Organization/WTO in Genf statt, ab dem Halbfinale habe ich gefilmt. Was wir in ‹The Case› sehen, ist ein Teil vom Halbfinale und vom Finale - einerseits das Team aus der renommierten Privatuniversität Harvard Law School in Cambridge, das im Finale als Kläger auftritt, andrerseits das Team der National and Kapodistrian University von Athen, das sich im Halbfinale als Kläger, im Finale als Verteidiger inszeniert.

Polzer: Was genau wurde in diesem konkreten Fall verhandelt?

Löffel: Sehr kurz gefasst: Beim ELSA-Wettbewerb werden immer fiktive, teilweise sehr aktuelle Problemfelder angesprochen. Im konkreten Fall geht es um einen afrikanischen Staat, «the Federal Republic of Aquitania», der von einem anderen afrikanischen Staat, «the United Kingdom of Commercia», beim WTO-Handelsgericht angeklagt wird. Die Vorgeschichte ist, dass Nova Tertia, eine Provinz von Aquitania, ihre Wasserversorgung an die private Firma Avanti SA, mit Hauptsitz in Commercia, abgetreten hat. Die Avanti SA erbringt jedoch sehr schlechte Dienstleistungen und erhöht zudem deren Preis um siebzig Prozent, was zu grosser Empörung in der Bevölkerung führt. Die neue Regierung von Nova Tertia löst daraufhin den Vertrag mit Avanti vorzeitig auf, woraufhin Avanti, über das Wirtschaftsdepartement von Commercia, beim WTO Anklage gegen Aquitania erhebt.

Fachsprachen, Formalitäten und Störungen
Polzer: Ich habe mir die Arbeit zweimal angeschaut und stets gedacht, etwas sei mir entgangen - bis mir schliesslich klar wurde, dass du uns gar nicht in die Lage versetzen willst, minutiös diesen erschreckend aktuellen Fall zu verstehen, sondern es geht dir vor allem um die Verhandlung, also um diese zweite Ebene.

Löffel: Mich interessiert Sprache in ihren verschiedenen Facetten und Funktionen, auch dann, wenn wir zu den Verschlüsselungen keinen Zugang haben. Gezeigt werden hier Studentinnen und Studenten kurz vor dem Abschluss, an einem sehr wichtigen Punkt in ihrer Karriere. Dieser Moment der Simulation ist als eine Art von Formatierung hinsichtlich der Reproduktion von Codes und Rhetorik zu betrachten. Das ist nicht gespielt für Aussenstehende, es gab auch kein Publikum, dieser sprachliche Entstehungsmoment bleibt unsichtbar.

Polzer: In ‹The Case› fühlt man sich stark konfrontiert mit fixen Regelwerken. Betont werden die Formalitäten von Begrüssungen, vorgegebenen Sprechzeiten; der Raum, die Kleidung, alles ist in hohem Masse standardisiert, während die Sache selbst kaum präsent scheint - das ist sehr eigenartig.

Löffel: Die Sprache ist formatiert, ebenso das Auftreten der jungen Leute, das alles ist sehr präsent, zugleich gibt es die enorme Abwesenheit des Politischen, dieser komplexen Realitäten der Privatisierung von Wasser. Diese Abwesenheit habe ich versucht, mit der Kamera aufzuzeichnen. Und gerade weil der Raum so gefüllt ist mit Formalität und Rhetorik, wird diese Abwesenheit erst deutlich, zugleich mit der beunruhigenden Abstraktion der Apparate der juristischen oder politischen Macht.

Polzer: In den Film blendest du Rubriken ein wie Fiction, Institution, Simulation.

Löffel: Das sind Auszüge aus juristischen Wörterbüchern. Ich habe diese Texttafeln eingesetzt, um eine weitere Leseperspektive zu eröffnen und die Frage von Sprache, von Begriffen und deren Definitionen einzubringen. Die gewählten Begriffe betreffen ausserdem Gebiete, die auch an Filmproduktion erinnern, somit kann ich mich auf die Verbindung zum verwendeten Medium, dem bewegten Bild, beziehen. Zugleichbeginnt man sich zu fragen, soll ich jetzt zuhören oder soll ich lesen. Diese Einblendungen fragmentieren im Grunde die Filmlektüre und stören eine lineare Sicht.

Polzer: Man fühlt sich gestört und überfordert...

Löffel: Das Stören ist ein Mittel, das ich gerne einsetze, nicht um des Störens willen, sondern um Betrachtungs- und Hörformen spürbar zu machen, in Frage zu stellen, und vielleicht auch so etwas wie ein Verlangsamen zu provozieren. Es geht auch um ein Unterbrechen und darum, dem Kurs zu generellen Wahrheitsansprüchen zu widersprechen.

Probebühnen und Narrationen
Polzer: Du arbeitest oft in und mit Probebühnen, auf denen das Eigentliche, das an einem anderen Ort stattfindet, vorbereitet oder hergestellt wird, sei das ein Filmstudio oder ein Truppenübungsplatz. Auch in ‹The Case› findet eine Art Probe statt - allerdings am Originalschauplatz. Was interessiert dich so an diesen Probebühnen?

Löffel: Ich würde eher von einem Simulieren sprechen. Mich interessieren weniger die spektakulären Endsituationen, sondern die Rahmenbedingungen, Momente des Einspielens davor, zum Teil banale Situationen der Inszenierung. Dort kommen die eingesetzten Apparate zum Vorschein, das Gerüst, die Konstruktionen, alles ist noch sichtbarer, da kann ich mit meinen Instrumenten am besten ansetzen.

Polzer: Welches Verhältnis haben diese Simulationen zu den «wirklichen Bühnen»?

Löffel: Es ist kein Verhältnis von A zu B, eher handelt es sich um eine Art organisches oder dialektisches Verhältnis. A macht B und umgekehrt. Die Probebühne wird immer wieder an die Hauptbühne angepasst und reziprok. Und dann kommt ja auch noch C und so weiter dazu...

Polzer: In deinen Filmen wird oft etwas erzählt. In ‹Setting›, 2011, berichtet eine Frau, dass sie auf einem Truppenübungsplatz als Statistin den Feind repräsentieren soll, in ‹Offscreen›, 2012/13, spricht ein Afghanistan-Reisender von seinen Erlebnissen, in ‹Fassung#1›, 2015, ein Mitarbeiter vom Pilatus-Unternehmen. Was haben deine Filme mit dem Narrativen zu tun?

Löffel: Es bildet den Kernpunkt, um den herum das Visuelle konstruiert wird. In ‹The Case› gibt es aber eine neue Situation. Die Geschichte wird nicht in dem Sinn erzählt und ich habe hier das originale Material nicht übersetzen oder von Schauspielern neu interpretieren lassen. Ich verwende hier nicht das Re-Inszenieren auf eine weitere Ebene, stattdessen fand diese Versetzung ja schon vor Ort statt. Hier präsentierten die Jurist/innen am tatsächlichen Ort einer WTO-Verhandlung sozusagen ihr eigenes Reenactment.

Polzer: Du zeigst in deinen Arbeiten detailliert einzelne Gesichter, die Kamera scannt präzis Räume ab, du zeigst das Ringen um Sprache. Das Visuelle und das Akustische werden fast überintensiv vorgeführt, so dass man meinen könnte, du willst uns hinführen zu mehr Genauigkeit im Hinschauen, Hinhören, Formulieren. Mir erscheint diese intensive Aufmerksamkeit für das Hören und Sehen zudem wie eine Kompensation für das in deinen Filmen Unsichtbare, Abwesende.

Löffel: Das bewegte Bild, Video und Ton, das ist meine Matière première. Fragen zum Sehen und Hören gehören für mich zu den politischen Fragestellungen: Wie wird gesehen, wo setzen die sichtbaren Rahmen an, wie werden Blicke hergestellt oder verweigert, welche Bilderpolitiken werden produziert? Und es ist mir wichtig, zu den theoretischen Ansätzen auch visuelle Zugänge anzubieten.

Polzer: Bisweilen hört man jemanden reden, sieht aber nicht das zugehörige ­Gesicht, stattdessen andere Personen oder nur einen dunklen Bildschirm. Das Sehen und das Hören werden getrennt, dann wieder kommt alles zusammen.

Löffel: Das bewegte Bild, Kino und andere audiovisuelle Medien, steht in direktem Zusammenhang mit unseren Seh- und Hörgewohnheiten. In diesen unterschiedlichen Räumen, mit ihren verschiedenen Bezügen zu Fiktion oder Nichtfiktion, lässt es sich wunderbar modellieren, eingreifen und auch wieder stören.

Polzer: Was hat es in ‹The Case› mit der Musik am Anfang auf sich? Man meint, sie wiederzuerkennen, sie impliziert, dass gleich etwas Wichtiges geschieht. Wie weit adaptierst du Mittel von Spielfilmen?

Fiktion und Spannung
Löffel: Für ‹The Case› habe ich ja erstmals das Filmmaterial als solches direkt übernommen. Um nun die fiktionale Ebene freizulegen und somit auch Unklarheit zur Herkunft des Bildmaterials und Inhalts zu erzeugen, habe ich auf Ästhetiken aus dem Film, aus Fernsehserien zurückgegriffen. Mit dieser Bildwahl und der Musik zum Vorspann soll Erwartung geschürt werden: Was wird mir vorgesetzt?

Polzer: Deine Filme sind etwa 25 bis 30 Minuten lang, erwartest du, dass man sie von Anfang bis Ende anschaut?

Löffel: Eigentlich ja. Wenn ich eine bestimmte Zeit vorschlage, dann braucht es diese auch. Ich kann solche Themen nicht in fünf Minuten behandeln.

Polzer: Für mich war es mit einmal Anschauen auch nicht getan, es ging mir wie mit einem dichten und auf verschiedenen Ebenen funktionierenden Roman oder Spielfilm, die man locker zweimal lesen beziehunsweise anschauen kann.

Löffel: So wie die Rezeption des Endprodukts Zeit verlangt, so brauche ich bei der Produktion auch Zeit, um die verschiedenen Schichten und Filter zu aktivieren. Zeit ist ein wichtiges Arbeitsmittel, sie entsteht mit dem Werk, wird von Inhalt und Form definiert. Ein Film als solcher öffnet sein eigenes Zeitfenster, und wenn in den ersten Minuten etwas passiert, das zum Anhalten veranlasst, dann bleibt man hoffentlich gerne 34 Minuten.

Bis: 26.06.2016


Gabriela Löffel (*1972, Oberburg) lebt in Genf und Bern

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Komplexe Systeme› E-Werk-Galerie für Gegenwartskunst Freiburg i. B. (mit Jorinde Voigt )
2015 ‹Kinematographische Räume›, Kaskadenkondensator Basel (mit Jannik Giger)
2013 ‹The easy way out› La Bande Vidéo, Québec
2013 ‹Offscreen› Halle Nord, Genève
2012 ‹Setting› Espace d'Art Contemporain (les halles), Porrentruy

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹TWISTING C(R)ASH› Romantso Athen
2015 ‹Geschichte in Geschichten› Helmhaus Zürich
2015 ‹Embedded Language› Dazibao Montréal
Preise (Auswahl)

2015 Preis Fondation Irène Reymond
2013 Anerkennungspreis ‹Fotopreise 2013›, Amt für Kultur Kanton Bern
2011 Swiss Art Award
2007 ‹Aeschlimann-Corti Stipendium›, Hauptpreis



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Ausgabe 6  2016
Ausstellungen Komplexe Systeme [13.05.16-26.06.16]
Institutionen E-Werk Freiburg e.V. [Freiburg/B/Deutschland]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Gabriela Löffel
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