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Fokus
6.2016


 Samuel Leuenberger erhielt jüngst von der Art Basel das ­Mandat, den Sektor ‹Parcours› zu kuratieren. Dies ist sein zweites Engagement für die Art: 2014 war er Associate Curator von ‹14 Rooms›. Zwei Monate vor der Eröffnung von ‹Parcours› bietet er Einblick in seine kuratorische Tätigkeit.


Samuel Leuenberger - Der Kurator, Kollaborateur


von: Stefanie Manthey

  
links: Lawrence Weiner · Mein Haus ist dein Haus dein Haus ist mein Haus Wenn du auf den Boden scheisst geht's auch auf deine Füsse, 2014, Courtesy Mai 36 Galerie
rechts: Daniel Gustav Cramer · Coasts, 2016, Courtesy Sies + Höke


‹Parcours› ist das jüngste Format im Portfolio der 1970 gegründeten Art Basel, einer der ältesten europäischen Kunstmessen, die mit Miami Beach und Hongkong mittlerweile drei Standorte umfasst. Um das Millennium wurden eigene Ausstellungsformate wie ‹Unlimited›, ‹Feature› und ‹Statements› entwickelt. ‹Parcours› aber findet seit der Erstausgabe 2010 nicht auf dem Messeareal statt, sondern in der Stadt und setzt der globalen Flughöhe der Hauptmesse damit einen zierlichen künstlernahen Gegenpol entgegen. Um 2000 etablierte sich London unter New Labour neu als eine der Partnerstädte Basels in Sachen Kunst. In diesem Jahre wurde mit Nicholas Serota als Schlüsselfigur die Tate Modern eröffnet. Die freigeräumte Turbinenhalle des ehemaligen Elektrizitätswerks eröffnete Künstler/innen neue Möglichkeiten grossmassstäblichen Arbeitens. 2003 wurde dann das Schaulager in Basel eröffnet. In London kam Leuenberger 1996 mit dem zunächst schlichten Ziel an, sein Studium am Sotheby's Institute fortzusetzen und mit einem Master in Post-War and Contemporary Art abzuschliessen.

Erste Commitments
Nach seinem BA in Fine Arts in Amerika wurde Leuenberger schnell klar, dass es besser sei, sich darauf zu konzentrieren, Ausstellungen statt weiter Kunst zu machen. Den Zeitpunkt seines Wechsels nach London hätte er nicht besser treffen können: «Es war die High Season der Young British Artists, Sarah Lucas, Damien Hirst, Jack and Dinos Chapman: der Moment, als die gesamte Kunstszene auf London geschaut hat.» Nach drei Jahren Studium bekam er einen ersten Job in einer Galerie für zeitgenössische Kunst, nahm das erste Mal an Messen teil und erlebte im Jahr 2000 die erste ‹Unlimited› mit. Die Nachfrage nach allem Zeitgenössischen explodierte förmlich. Über diese Zeit in London sagt er rückblickend: «Ich habe ‹the Birth of the Contemporary› - wie wir das Phänomen heute nennen - mitgekriegt. Da gab es nur die Sicht nach vorn. Jeder war ein Quereinsteiger. Natürlich gab es De Appel und das Whitney-Programm, aber nicht so viele zeitgenössische Ausbildungsorte für Kuratoren wie heute. Das Gleiche galt für die Galerien. Alles ging noch. ...Es war noch nicht so reglementiert und wirtschaftlich orientiert wie heute.»

Rückkehr in die Schweiz
Nach elf Jahren im Ausland kehrte Leuenberger 2001 in die Schweiz zurück und war drei Jahre lang als Experte für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst für Christie's Zürich tätig. Dadurch lernte er das Gebiet aus der Perspektive der Käufer und Sammler kennen. Und stellte zugleich fest, dass ihm das Arbeiten auf der «anderen» Seite mehr liegt. Die Kunsthalle Zürich unter Leitung von Beatrix Ruf schien ihm dafür der beste Ort zu sein. Er ergriff die Initiative. Mit Erfolg. «2004 konnte ich zu Beatrix Ruf in die Kunsthalle gehen, um mit ihr zu arbeiten. Beatrix leitete alles federführend, ich arbeitete auf organisatorischer Ebene eng mit den Künstlern zusammen, war bei Ausstellungen von John Armleder, der Retrospektive von Sarah ­Lucas oder der wegweisenden Gruppenausstellungen ‹Wade Guyton, Seth Price, Josh Smith, Kelley Walker› involviert. Beatrix ist ein unglaublicher Macher und dabei jemand, der mehrgleisig verschiedene Qualitäten, Orte und Menschen zusammenbringen kann. Das war eine sehr prägende Zeit für mich.»

Neue Optionen
Erstes finanzielles Kapital erwirtschaftete Leuenberger ab 2007 als selbständiger Berater von Birsfelden aus zusammen mit einem Kollegen in London. Mit diesen Mitteln gründete er SALTS, einen eigenen Projektraum in den ehemaligen Gewerberäumen seines Elternhauses. SALTS basiert auf der Wertschätzung künstlerischer Haltungen, stellt und löst Fragen nach den dafür angemessenen Präsentationsformen. SALTS kommt aus der Lust am Kollaborativen und an Kooperationen, die Besuche und Gegenbesuche auslösen, an Resonanzen, am Stereosound, dem Zugehen auf die unmittelbare Nachbarschaft. Das Profil des Kunstraums ist in enger Zusammenarbeit mit Autoren wie Quinn Latimer, Künstlern wie Daniel Gustav Cramer und den Kurator/innen Fabian Schöneich und Elise Lammer entstanden.
Neue Optionen eröffneten sich Leuenberger erst wieder, als er sich 2012 entschied, nur noch als freischaffender Kurator tätig zu sein. So realisierte er 2013 ein Projekt im Ausstellungsraum Klingental und wurde in der Folge von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia kontaktiert. Er setzte sich mit dem etablierten Förder­in-strument der Cahiers d'Artistes auseinander und half mit, die jährliche Präsentation der Preisträger/innen neu aufzugleisen: Raus aus den Hallen, rein in die Stadt, so die Devise. Mit Performances und Happenings, die als raumsprengendes Begleitprogramm zur Präsentation der Cahiers d'Artistes und den Swiss Art Awards an unterschiedlichen Orten in der Stadt realisiert wurden.

Wiedereinstieg
Im Frühling 2015 wurde Leuenberger von der Messe kontaktiert. Für diese war er zu diesem Zeitpunkt ein Kandidat, mit dem sie bereits 2014 als Associate Curator von ‹14 Rooms› erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Das Konzept, eine künstlerische Arbeit pro Raum zu zeigen, geht auf die beiden Kuratoren Hans Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach zurück. Die Produzent/innen dieses umfangreichen Projekts waren Ann-Christin Rommen und Marc Bättig. Mit Bättig wird Leuenberger nun wieder im Rahmen von ‹Parcours› zusammenarbeiten.
Das Prozedere sieht folgendermassen aus: Ein Komitee wählt die beteiligten Galerien aus. Diese können sich für ‹Parcours› bewerben. Sein Austragungsort wird jedes Jahr aufs Neue festgelegt. Der Münsterhügel gehört zu den Quartieren, an denen ‹Parcours›, 2010, kuratiert von Jens Hoffmann, sein Debüt hatte. Fünf Jahre später fand er dort zum zweiten Mal statt und soll nun bis auf Weiteres dort bleiben . «Ich wollte weg von der Vorstellung, dass ‹Parcours› nur etwas für Künstler der Katego­rien ‹emerging› oder ‹Jungtalent› ist. Vielmehr sollen Künstler/innen jeder Generation die Möglichkeiten erhalten, etwas in situ zu präsentieren. Auf einige bin ich direkt mit einem Vorschlag zugegangen, und Galerien, deren Programm ich spannend finde, fragte ich, ob sie sich mit einem eigenen Vorschlag bewerben würden. Dann gab es noch die freie Bewerbung. Daraus ergibt sich jetzt eine ganz vielfältige Mischung...»
Die Zeit bis zur Eröffnung ist von Verhandlungen in einem sensiblen Kommunikationsklima geprägt, in dem konkret ausgehandelt wird, wie die Einbindung ins städtische Umfeld geschehen soll. Das Kuratieren in einem Kräftefeld zwischen Messe, Künstler/innen, Stadt und Anwohner/innen ist ein Wagnis mit vielen Unwägbarkeiten, die in Echtzeit zu lösen sind. Dies gilt auch für das Programm der ‹Parcours Night› am Samstagabend, an dem die Projekte bis in die Nacht geöffnet sind und parallel Performances stattfinden. «Ich verstehe ‹Parcours› und insbesondere ‹Parcours Night› als etwas, das immer mehr zu etwas Städtischem wird oder werden sollte.» ‹Parcours› findet rund um den Münsterplatz statt. Die diesjährige Ausgabe schliesst Projekte von Künstler/innen wie Daniel Gustav Cramer, Hans Josephsohn, Virginia Overton, Tracey Rose, Michael Wang und Rirkrit Tiravanija ein. Das Kunstmuseum zeigt parallel mit ‹Sculpture on the Move› eine thematisch verwandte Ausstellung anlässlich seiner Wiedereröffnung in erweiterter Form.

‹Parcours› und darüber hinaus
Die nächste documenta und die vierte Ausgabe der ‹Skulptur Projekte Münster› setzen darauf, Diskurse im Format von Magazinen und Zeitschriften anzumoderieren. Die Grundparameter, Körper, Raum und Zeit, werden immer wieder neu zur Diskussion gestellt. Zudem werden Fragen nach Produktions- und Rezeptionsmustern von Kunst im öffentlichen Raum aufgeworfen. In diesem Feld entwickelt sich eine eigene Kraft, wenn es um Kontroverses geht. Leuenberger bringt sich hier ein: «Ich bin ein grosser Fan von Kunst im öffentlichen Raum, und gleichzeitig ist diese Form von Kunst etwas vom Bedrohlichsten, weil sie einen zumüllen kann. Man kriegt Kopfweh, wenn an jeder Ecke Kunst steht. Es kann schnell in Stadtmöblierung münden. Das spricht dafür, Werke kurz und intensiv zu zeigen, zu erfahren und dann wieder abzubauen.»
Leuenberger hat ein Talent, mit Künstlerinnen und Künstlern im musealen und nichtmusealen Raum nostalgiefrei zu arbeiten. Er schätzt es, sich neben der Rolle als Kurator als prinzipiell ortsungebundener Ko-Produzent einzubringen. Parallel dazu entwickelt sich SALTS auf der transkontinentalen Karte weiter. Bis Ende Jahr stehen Gastauftritte bei zwei Projekträumen auf der Agenda: David Dale Gallery, Glasgow, und Kinderhook & Caracas, Berlin.
Stefanie Manthey, Kunsthistorikerin, Kunstvermittlerin im Team des Schaulagers Basel und des Kunstmuseums Basel, Mitarbeiterin bei Herzog & de Meuron, stefaniemanthey@gmail.com

Bis: 19.06.2016


Samuel Leuenberger (*1974, Basel)
1996 Bachelor Studium an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg, VA
1998 Masters of Fine Arts des Sotheby's Institute für Post-War und Contemporary Art, London
1998 bis 2001 Tätigkeit in der Stephen Friedman Gallery, London
2001 bis 2004 Experte für Zeitgenössische Kunst beim Auktionshaus Christie's in Zürich
2004 bis 2007 Assistenzkurator an der Kunsthalle Zürich
2007 bis 2012 Sammlungsberater für Frahm Ltd. in London und Basel
2011 Gründung des Vereins SALTS, Birsfelden (2009-2011 war es ein Art Salon mit anderem Namen)

Ausstellungen (Auswahl)
Ab 2012 SALTS mit Ausstellungen von Raphael Hefti, Claudia Comte & Guillaume Pilet, Kasper Sonne, Awst & Walther, Daniel Gustav Cramer, Yves Scherer, Katja Novitzkova, Sol Calero, Nicolas Party, Emanuel Röhss
2013 ‹Within the Horizon of the Object›, mit Emilie Ding, Viktor Korol, Mandla Reuter, Virginia Overton and Adam Thompson, Ausstellungsraum Klingental; Cahiers d'Artists, Präsentation von Pro Helvetia im Rahmen der Art Basel
2014 ‹14 Rooms›, Kollaboration mit Fondation Beyeler, Art Basel, Theater Basel
2015 ‹Constructed Culture sounds like Conculture› mit Darren Bader, Mia Marfurt, Adrien Missika, Lydia Ourahmane, Tabor Robak, Ellis King, Dublin
2015 Ausstellung Kunstkredit Basel Stadt; ‹Natural Instincts›, Festival Les Urbaines, Lausanne



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Ausgabe 6  2016
Institutionen SALTS [Birsfelden/Schweiz]
Autor/in Stefanie Manthey
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