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Ansichten
6.2016


 Das abgedruckte Schwarzweissfoto mit Büttenrand habe ich auf dem Dachboden in einer Fotokiste gefunden. Weder Vorder- noch Rückseite des Abzugs sind beschriftet - Datum und Motiv bleiben uns daher ebenso unbekannt wie der Name der Person, die das Foto gemacht hat.


Ansichten - Erzählstrategien


  
Anonyme/r Fotograf/in · undatiert, Privatbesitz


Auf dem Bild sind ein steiler, grasbewachsener Abhang zu sehen und etwas unscharf im Hintergrund Laubbäume. Am Horizont deutet ein Pfosten auf einen Weidezaun hin. In dieser ländlichen Situation sitzt ein Jugendlicher vornübergebeugt und mit angewinkelten Beinen. Zwischen ihm und der Kamera türmt sich dünnes, blätter­loses Geäst. Der Junge trägt Pullunder und Hemd - man kann den Kragen identifizieren - und wahrscheinlich eine kurze Hose, die seine Knie freilässt. Viel mehr gibt das Bild allerdings nicht preis. Was macht der Junge mit seiner angestrengt oder angespannt wirkenden Körperhaltung hinter dem Gestrüpp? Weiss er, dass er fotografiert wird? Ohne zu lachen, blickt er in Richtung Kamera, vielleicht aber auch knapp an ihr vorbei. Und wer ist die Person, die sich so dicht ins Gehölz gewagt hat, um - einem Voyeur gleich - den sitzenden Jungen zu beobachten und eine Aufnahme von ihm zu machen? Ist sie zufällig mit einer Kamera vorbeigekommen? Kennen sich die beiden? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander?
Eine handschriftliche Anmerkung auf dem Abzug hätte uns Antworten liefern können, und wäre uns die Identität des Jungen oder des Fotografen (war es nicht eine Fotografin?) bekannt, so verfügten wir möglicherweise über weitere Anhaltspunkte, wie sich die Szene einst zugetragen hat. Unsere Informationslücken wirken heute überaus ungewohnt. Täglich begegnen wir Hunderten von Bildern und ebenso vielen Bildhinweisen, und wir messen diesen Zuschreibungen durch «autorisierte Dritte» grosse Bedeutung bei: Blind vertrauen wir ihren Bildunterschriften; ohne zu zögern, glauben wir die Geschichten, die sie uns erzählen - zumindest solange sie der eigenen Wahrnehmung nicht widersprechen. Aus praktischen Gründen hinterfragen wir nicht, wer die Autorinnen hinter Bildern und Texten sind, sondern konzentrieren uns auf das Gezeigte, Erzählte.
Im Fall unserer Fotografie bringt sich der Autor allerdings selbst ein ins Bild. Hinter Ästen versteckt, beobachtet er den Jungen und überrascht oder erschreckt ihn vielleicht. Er provoziert die fotografierte Situation, damit sie stattfindet; er interveniert und lässt den Porträtierten reagieren - und ruft sich so zugleich in Erinnerung. Wäre ein solches Intervenieren nicht auch bei einer Bildbeschreibung denkbar? Stimmt das eingangs genannte «Ich», das ein altes Foto findet, mit der Autorin überein? Ist das Bild tatsächlich undatiert, der Fotograf unbekannt - oder gehören diese Hinweise zu einer Erzählstrategie, die anderes vorhat?
Bernadette Fülscher schreibt und forscht über Architektur, Kunst und Stadt. mail@bernadettefuelscher.ch



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Ausgabe 6  2016
Autor/in Bernadette Fülscher
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