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Fokus
7/8.2016


 Endlich stehen die Tore der Manifesta 11 offen. Und erwartungsgemäss gibt die europäische Wanderbiennale, aktuell unter dem Titel ‹What People Do for Money: Some Joint Ventures›, viel zu entdecken und zu reden. Sechs angereiste Autorinnen und Autoren formulieren Empfehlungen und setzen Fragezeichen.


Manifesta 11 in Zürich - Empfehlungen und Fragezeichen


von: Patricia Grzonka
von: Noemi Smolik
von: Cynthia Krell
von: Marlene Vest Hansen
von: Sabine Beil
von: Juraj Čarný

  
links: Mike Bouchet · The Zurich Load, 2016, Löwenbräukunst. Foto: Camilo Brau
rechts: Pablo Helguera · Artoons, 2016, Löwenbräukunst. Foto: Manifesta11/Wolfgang Traeger


80'000 kg Klärschlamm und antiquierte Berufsbilder
Patricia Grzonka
Es ist unzweifelhaft das Hauptwerk der Manifesta 11 im Löwenbräu Areal: 80'000 kg Klärschlamm, den die Zürcher Bevölkerung am 24. März 2016 hinterlassen hat, liegen vor einem, fein säuberlich zusammengepresst in gräuliche, würfelförmige Objekte. Die verdichtete Masse trocknet mit entsetzlichem Gestank vor sich hin, übertüncht, aber nicht wirklich erträglich gemacht, von einem künstlichen Duftstoff. Graue Minimal Art mit Radical Chic - Kunst, die gut ins puritanische Zürich passt. Und sie passt natürlich hervorragend zum Motto der Ausstellung ‹What People Do for Money›, denn heisst es nicht irgendwo, dass sich auch aus Scheisse Geld machen lässt?
Die Installation des amerikanischen Künstlers Mike Bouchet gehört damit zu den eindrücklichen Signature-Pieces der Manifesta. Kleinere Arbeiten in dieser Halle - eine ältere Dia-Installation von Martin Kippenberger beispielsweise - erhalten bei diesem penetranten Geruch allerdings nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Die Gegenüberstellung von neuen, eigens für die Manifesta produzierten Werken mit Monumentalanspruch und historischen Arbeiten ist Teil des Konzepts der Ausstellung, die diesmal von Christian Jankowski kuratiert wurde. Jankowski ist Künstler. Er hat der Manifesta praxisbezogene Kooperationen mit der Zürcher Berufswelt verordnet. Im Löwenbräu sind es etwa die Feuerwehr (hier das herausragende Video von Carles Congost), eine Sexualtherapeutin oder ein Psychologe - rund dreissig insgesamt. Ein seltsam altertümliches Berufsbild wird einem da bisweilen vorgeführt. Etwa in der reichlich überfrachteten Installation von Jorinde Voigt, wo Rousseau und Peter Sloterdijk aufgeboten werden, um einem alten Ruderboot des Wollishofer Schiffsbauwerks Stämpfli eine Aura von Freiheit zu verleihen.
Neben derart dramaturgisch aufgeladenen Inszenierungen nehmen sich die historischen Arbeiten oft bescheiden und kümmerlich aus. Die pingelige Einteilung der Schau in künstlerische Berufsfelder - etwa ‹Kunst als ein zweiter Beruf› oder ‹Berufe in der Kunstwelt› - zeigt ein generelles konzeptuelles Missverständnis auf: Geht es in den kritischen Fotos von Mierle Laderman Ukeles aus den Siebzigerjahren, in der die Künstlerin Kunsträume fegt, tatsächlich um das Berufsfeld «Putzfrau»? Aber man darf auch lachen: mit Michael Smith und Nicole Bachmann und ihren grinsenden Kritikerköpfen oder den famosen Cartoons von Pablo Helguera. Das Hauptaugenmerk aber galt eindeutig den spektakulären beauftragten Arbeiten, die - wie so viele neue Kunst - zwar imponierend perfekt sind, aber leider meist nicht wirklich berühren.
Aus der Distanz betrachtet ist wohl das Beste an dieser Manifesta zugleich auch ihr grösstes Manko: Die engen Kooperationen mit den ansässigen Betrieben bieten einen ungewohnten Austausch unterschiedlichster Akteure. Dass andererseits die meist prekären, sich unvorstellbar schnell wandelnden realen Arbeitswelten von weniger privilegierten Bevölkerungsschichten radikal ausgeschlossen wurden, das ist absolut unverständlich.
Patricia Grzonka, Kunsthistorikerin, Kunst- und Architekturkritikerin, lebt in Wien. www.patriciagrzonka.net

Wellnessveranstaltung statt Provokation, Beruf statt Berufung
Noemi Smolik
Wenn man bedenkt, dass die Zürcher Manifesta 11 in Erinnerung an das genau vor hundert Jahren eröffnete Cabaret Voltaire stattfindet, dann wirkt diese Ausstellung eher wie eine Wellnessveranstaltung. Keine Publikumsbeschimpfung, keine Provokation, kein Pinkeln auf der Bühne. Heute lässt Mike Bouchet die Ausscheidungen einer ganzen Stadt zu einer minimalistischen Skulptur verarbeiten und als Kunstwerk ausstellen - nur der Gestank ist ein wenig penetrant. Brav haben die meisten Künstler/innen ihre Kollaborationen mit den verschiedenen Berufen durchgeführt. Der Arztberuf wurde bevorzug, vielleicht weil er so klinisch sauber ist. Reinheit scheint viele Künstler/innen anzuziehen. Selbst die Installation des sonst eher mit Trash arbeitenden Jon Kessler wirkt in der Reparaturwerkstatt hochwertiger Uhren, die eher an eine Klinik erinnert, wie desinfiziert.
Dabei geht es um Berufe und darum, was Menschen heute für Geld bereit, gezwungen, genötigt sind zu tun. Ein brisantes Thema in Zeiten der Massenmigration, der durch die Automatisierung drohenden Massenarbeitslosigkeit, der Debatte über einen Grundlohn für alle, der ständigen Optimierung der Leistungsfähigkeit, der Aufhebung der Grenze zwischen privatem und beruflichem Leben und der oft gnadenlosen Selbstausbeutung der Kreativen, zu denen sich gerade die Künstler/innen zählen. Davon keine Rede. Stattdessen zieht Franz Erhard Walther den Kellnern des Luxushotels Hyatt schicke Jacken an und der sonst gerne provozierende Maurizzio Cattelan konstruiert einen schwimmenden Rollstuhl. Wenn Manifesta 11 etwas zeigt, dann dies: Das Künstler/innen-Sein wird immer mehr ein Beruf und immer weniger - wie noch zu Dada-Zeiten - eine Berufung.
Noemi Smolik, freie Kunstkritikerin für Artforum, frieze, FAZ, und Lidove Noviny, lebt in Bonn und Prag.
noemi.smolik@t-online.de


Schnitzeljagd durch die Quartiere und Liebesreigen der Zukunft in der ETH
Cynthia Krell
Wer sich auf die Suche nach den in der ganzen Stadt Zürich verteilten Satelliten begibt, wird mal entzückt und mal enttäuscht sein. Das Spektrum der hier erschlossenen Arbeitsorte und beruflichen Welten könnte nicht unterschiedlicher sein. Genauso heterogen sind die angewandten künstlerischen Strategien, Medien und Präsentationsmodi. Es gibt performativ angelegte Projekte wie etwa Franz Erhard Walthers orangefarbene Halbwesten für das Personal des Hotels Park Hyatt oder einen duplizierten Hundesalon, installiert von Guillaume Bijl. Im Rahmen der Satelliten-Ausstellungen werden jedoch überwiegend Werk-Zitate gezeigt, die neu entstandenen Produktionen sind im Löwenbräu Areal und im Helmhaus zu sehen.
Die Schnitzeljagd durch die Quartiere Zürichs wird durch die von Integral Ruedi Baur entworfenen Piktogramme visuell erleichtert - ein Leitsystem, welches auch im Vorbeigehen Aufmerksamkeit erregt. Beim Erkunden der vorwiegend öffentlichen Orte wird es dann spannend, wo etwas nicht Vorhersehbares passiert wie etwa beim geführten Rundgang durch die labyrinthischen Hightech-Labore der ETH. Die französische Künstlerin Marguerite Humeau hat für die Manifesta mit Expert/innen für autonome Systeme zusammengearbeitet. Aus der Kooperation sind zwei roboterähnliche Kreaturen entstanden, die den hormongesteuerten Prozess des Verliebtseins nachempfinden. Die Aufführung findet in einem hinter Glas abgetrennten Labor statt, dort interagieren in Nebelschwaden und auf Bodenebene ein weibliches und männliches Wesen miteinander. Völlig fasziniert beobachtet man die vorprogrammierte Choreografie evolutionsgeschichtlicher Gefühle, die von mechanisch erzeugten Paarungslauten begleitet wird. Das ganze Spektakel ist aufgrund der Ausdünstungen von Kastrationshormonen auf fünf Minuten beschränkt - aber zu gerne möchte man diesem Liebesreigen der Zukunft bis zum Ende beiwohnen. Ein gelungener Manifesta-Beitrag, zu der das kuratorische Regelwerk Jankowskis konstruktiv beigetragen hat - im Gegensatz zu vielen anderen, plakativen und handlangerischen Joint Ventures.
Cynthia Krell, freie Autorin und Kunstvermittlerin, lebt in Bielefeld. cynthia_krell@gmx.de

Die Ordnung der Dinge, der Mut der Feuerwehrleute, der Wohlstand der Klinik...
Malene Vest Hansen
‹What people do for money. Some joint ventures› basiert auf einem grandiosen Konzept. Als angereiste Besucherin aus Dänemark bin ich sofort mit der nackten Realität des Geldes konfrontiert: Zürich ist für mich sehr teuer. Dies ist natürlich ein banales Statement. Immerhin wird die Banalität der Frage während meiner viertägigen Tour durch Zürich auf einem (gratis!) Stadtvelo zu den Satelliten, wo Menschen in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Räumen für ihren Lebensunterhalt arbeiten, erweitert und opponiert, reflektiert und poetisiert. Die Karte der Satelliten ist gleichsam eine Karte der sozialen Archäologie. Die Kunstprojekte bieten die seltene Chance, Einwohner/innen von Zürich an Orten aufzusuchen, die ich andernfalls nie gesehen hätte. Es ist erstaunlich, wie viele Berufsleute ihre Türen für das Projekt geöffnet haben, dies spricht für eine Gesellschaft des Vertrauens. Ich sehe die Schönheit der Ordnung der Dinge in der Rennboote bauenden Bootswerft Stämpfli am Ufer des Zürichsees. Ich rieche das Öl und die Feuchtigkeit bei der Zürcher Feuerwehr und erhasche einen Eindruck vom Mut der Feuerwehrleute und deren Kooperationsgeist. Ich sitze in der Lobby der Klinik Hirslanden (sie strahlt beruhigenden Wohlstand aus) und studiere die Ergebnisse der klinischen Analyse von Michel Houllebecqs Herz und Blut. Ich spreche zum Uhrmacher in Les Ambassadors, der mir eifrig die Mechanik von John Kesslers wunderbarer Uhr ‹The World is cuck-coo› erklärt. Ich bin eine Touristin, natürlich, doch ich glaube, dass auch Bewohnerinnen und Bewohner von Zürich das vermeintlich Wohlbekannte auf eine verfremdete Weise wahrnehmen werden, wenn sie diese Tour unternehmen.
Zurück in Kopenhagen wirkt die Freude der Joint Ventures noch nach. Indessen erscheint mir die Manifesta 11, ‹What people do for money›, nun als merkwürdig bar jeder (kritischen) Recherche zu Kunst und Geld. Eine Frage, die sich noch verstärkt, angesichts all derjenigen, die von der Manifesta direkt die Art Basel ansteuern.
Malene Vest Hansen, Kunstkritikerin und Assoziierte Professorin für Kunstgeschichte, Abteilung Arts and Cultural Studies, Universität Kopenhagen, lebt in Kopenhagen. malenevest@gmail.com

Lascaux war besser
Sabine Beil
Was könnte spannender sein: Eine Stadt erspüren durch die Kunst, die sich in ihr manifestiert. Die sie durchdringt, bespielt, neu - oder anders - in Szene setzt. Die einen an überraschende Orte führt. Den Blick in unausgeleuchtete Winkel lenkt. Eine Manifesta bietet diese Chance. Sie kann der Schlüssel sein, durch die Kunst eine Stadt neu zu erschliessen. In Zürich wurde diese Chance vertan, leider. Die Kunst spielt sich dort ab, wo sie immer ist. Dass wenigstens der Zürisee bespielt wird, ist ein kleiner Trost.
Warum sich eigens zu einer der wenigen Aussenstationen wie etwa in Wipkingen aufmachen, um dort in einem Wellness-Laden exakt denselben Film von Jon Rafman vorgeführt zu bekommen, der auch im Löwenbräu läuft? Warum eine Dreiviertelstunde zur Klinik Hirslanden fahren, nur um dort ein paar Kopien von Houllebecqs Bodycheck einzustecken? Zumal der französische Skandal-Autor schon im Helmhaus via Hochglanzscans zu begutachten ist.
Trotzdem lohnt sich ein Besuch. Mein Tipp: Im Löwenbräu-Areal durchs weite Treppenhaus wandeln. Hier findet sich die derzeit erfrischendste Antwort auf den globalen Ausstellungszirkus mit all seinen irr-witzigen Auswüchsen. Der Mexikaner Pablo Helguera (*1971) hat dort Kunstcartoons realisiert, die so simpel wie sinnhaft sind. Augenzwinkernd nimmt der in New York lebende Künstler sie alle hoch: Kuratoren, Kritikerinnen, Künstlerinnen und Sammler. Am schönsten aber: Die ewig unzufriedene Meute der abgeklärten Besucher. Zottelbärtig stehen sie in ihrer Steinzeithöhle und sind sich Champagner schlürfend einig: «The Lascaux biennial was better.»
Sabine Beil, freie Journalistin und Redakteurin für Badische Zeitung, Berner Zeitung, Darmstädter Echo, lebt in Wolfsburg. Sabine.Beil@web.de

Ich habe den Jungen in mir wiederentdeckt
Juraj Čarný
Ich bin immer schockiert von der grossen Anzahl uninteressanter Kunstwerke, die ich an bedeutenden Kunstevents wie der Venedig Biennale, der documenta oder einer Manifesta antreffe. Wenn ich dann nachhause komme, frage ich mich nicht nur, ob sich die Reise gelohnt hat, sondern wieso ich mich überhaupt mit zeitgenössischer Kunst befasse. Was will diese Ausstellung dem breiten nichtprofessionellen Publikum sagen? Anders als bei anderen Grossevents war ich bei dieser Manifesta erstaunt über das Verhältnis von qualitativ hochstehenden gegenüber weniger substanziellen Werken. Ich kann zwar nicht sagen, dass ich ein bedingungsloser Liebhaber von kuratorischen Projekten von Künstlern bin. Doch indem Christian Jankowski seine künstlerische Strategie weitertrieb, hat er ein aussergewöhnliches Kunstwerk entstehen lassen. Natürlich hat er dabei einige kleinere Fehler gemacht. Er wollte zuviel sagen und hat darum bestimmte Kunstwerke in der historischen Abteilung missbraucht, doch das finale Resultat der «Collage» ist nicht zu schlecht. Der Schwachpunkt der Manifesta, über den man sich jedoch leicht hinwegsetzen kann, ist die Zugänglichkeit der Satelliten-Events. Das App, das einem zu den Orten navigieren würde, die grad offen wären, würde den Besuchenden, die nicht den Luxus geniessen, Tage in Zürich zu verbringen, Stunden an Vorbereitung ersparen. Ich will nicht infantil sein, doch dank der Manifesta haben ich den kleinen Jungen in mir wiederentdeckt: Polizeioffiziere, Feuerwehrmänner, Ruderboote, ein Löschboot, Berge... Alpen. Die Struktur des Konzepts, der Einbezug lokaler Berufsleute, die Installationen bei den Satelliten-Events, die Narration sind gelungen und die überzeugendsten visuellen Eindrücke bieten die Kunstwerke von: Marco Schmitt, Carles Congost, Fernando Sanchez Castillo und Armin Linke.
Juraj Čarný, Kurator, Kritiker, Pädagoge, Direktor Kunsthalle Bratislava, Präsident AICA Slovenien und Ex- Chefredaktor von Flash Art, tschechische/slovakische Ausgabe, lebt in Bratislava. juraj.carny@gmail.com

Bis: 18.09.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Autor/in Patricia Grzonka
Autor/in Noemi Smolik
Autor/in Cynthia Krell
Autor/in Marlene Vest Hansen
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