Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2016


 Er hat schon auf Godot gewartet - am Flughafen, mit einem Namensschild für den grossen Beckett'schen Abwesenden in der Hand. Oder er hat Andy Warhols ‹Mao›-Siebdrucke in China nachmalen lassen. Nun aber druckt der britische Konzeptkünstler Jonathan Monk eine Retrospektive aus und klebt sie an die Wand des Kunsthauses Baselland. Kritische Dérive vom Objekt weg oder doch kapitalistisches Derivat?


Jonathan Monk - Flachware Kunst


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Aufbau Ausstellung, Kunsthaus Baselland. Foto: Ines Goldbach
rechts: Site/Specific/Pallet/Rock, 2013-2014 (Detail), beschichtetes Aluminium, Felsbrocken, je 120x80x28 cm, RAL 5018 Türkis / Jordan, RAL 3009 Oxidrot / Israel , RAL 5023 Blau / Iran, RAL 7030 Steingrau / Libanon, RAL 4005 Lila / Saudiarabien, RAL 1002 Sandgelb / Ägypten, 1 leeres ­Palett für Syrien, RAL 7026 Granitgrau, 1 leerer Sockel für Palästina. Foto: Ken Adlard


Es könnte eine letzte Ausstellung sein. Es könnte Jonathan Monks letzte Ausstellung sein. Maurizio Cattelan - wie Monk ein Vertreter eines komischen Konzeptualismus, wenn man das so nennen will - hat aufgehört, Kunst zu machen, nachdem er das ganze Guggenheim mit seinen Werken vollgehängt hatte (nur, um jetzt wieder im Rahmen der Manifesta 11 einen Rollstuhl über den Zürichsee fahren zu lassen). ­Jonathan Monk hat - in einer gewissen Analogie dazu - einen Grossteil seiner skulpturalen und installativen Arbeiten in Dokumentationsfotos auf Tapete ausgedruckt und sie an die Wände des Kunsthauses Baselland gebracht. Eine - gerade im Art-Monat - gewagte Abwendung vom räumlichen Objekt. Obwohl: in dieser Zeit werden in Basel bekanntlich selbst Konzepte zu handelbaren Objekten.

Exhibiting on Demand
«Das ist sicherlich nicht meine letzte Ausstellung, nein. Es ist vielmehr eine erste Ausstellung: Der Titel ‹Exhibit Model One› suggeriert schon, dass es ein zweites und drittes Modell geben kann», hält Jonathan Monk dagegen. Ist das Patent für dieses aktuelle Ausstellungsmodell schon angemeldet? «Ich bin natürlich nicht der Erste, der so etwas macht. Verschiedene Überlegungen und Diskussionen mit der Kunsthaus-Leiterin Ines Goldbach haben zu diesem Resultat geführt - nicht zuletzt auch finanzielle. Eine erste Idee war, nur Werke zu zeigen, die in den letzten Jahren von meinen Galerien an der Art Basel nicht verkauft wurden. Nun ist es eher so etwas wie eine begehbare Werkdokumentation geworden, wie sie viele Galeristinnen und Galeristen heute auf iPads an ihrem Stand dabeihaben», so Monk. Ein selbst- und vor allem marktkritischer «Salon des Refusés, mit vom Markt refüsierten Werken. Und mit einem Künstler, der sich weigert, so auszustellen, wie wir es von ihm erwarten.
Oder ist es eher eine Print-on-Demand-Ausstellung? Eine Schau, für die man keine Leihgaben mehr erfragen, keine Werke mehr transportieren, geschweige denn produzieren muss (zumal Jonathan Monks Arbeiten auch schon mal aus schwerem Marmor sein können, wie beispielsweise die Finger, die er produziert hat, quasi als Ergänzung von Maurizio Cattelans - wieder er - bekannter Stinkefinger-Skulptur in Mailand, bei der alle Finger ausser dem Mittelfinger abgebrochen sind). Wie bei ­einem Buch, bei dem man nicht mehr über eine Auflage nachdenken und das man nicht mehr physisch um die Welt schicken muss, weil es vor Ort ausgedruckt wird.
Ist ‹Exhibit Model One› also ein Modell für die Zukunft? Oder doch nur eine flache Aufbereitung der Vergangenheit? Eine Retrospektive im wahrsten Sinne des Wortes, eine fotografische Rück-Schau, ein Ausstellungsmodell also, das nur Künstler/innen zur Verfügung steht, die bereits ein umfangreiches Werk aufweisen können. Wobei: Wenn Architekturbüros Gebäude in Renderings schon so real aussehen lassen können, dass man sie fieberhaft im wirklichen Stadtbild sucht, könnte man fiktive Werke gut digital in Fotografien entstehen lassen - das Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Produzierbarkeit.
Während allerdings für den Bildschirm alles massstäblich eingeschrumpft wird, ob Architektur oder Kunstwerk, bläst sich auf der Kunsthaus-Wand vieles auf. Wie etwa eine Arbeit Monks, die auf einem Missverständnis beruht: «In dieser Figur bringe ich Paul McCartney in Sgt.-Pepper's-Montur mit dem Künstler Paul McCarthy zusammen. Es ist wie ein dyslexischer Mix dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere, deren Namen man so gut verwechseln kann. Eigentlich ist die Figur nur etwa 50 cm klein - in dieser Ausstellung wird sie aber plötzlich gegen drei Meter gross», so Monk. Und aus dem kleinen Missverständnis wird ein grosses. Der Künstler Rob Pruitt bringt auf seinem Instagram-Account Künstler/innen mit Prominenten aus anderen Bereichen in Lookalike-Paarungen zusammen (zum Beispiel Jeremy Deller und Jeremy Irons). Bei Jonathan Monk wird das zur Soundalike-Paarung, zusammengesampelt in einer Figur.

Gut geschmiert
Während das kleine grosse skulpturale Missverständnis auch etwas Schenkelklopfiges hat und für die verspielt komische Komponente in seinem Werk steht, wird es bei Jonathan Monk bisweilen auch sehr ernst. In der Art Unlimited zeigt der Brite eine Arbeit, für die er Steine aus verschiedenen Ländern des seit Jahrzehnten schwelenden Konfliktherds um Israel herum gesammelt hat. Ausgestellt sind sie in farbigen, auseinandergezogenen Euro-Paletten. Der bis aufs Blut umkämpfte Boden wird in diesen Transportunterlagen mobil, die verschiedenen damit verbundenen Ideologien werden in einen normierten Warenumlauf eingeschleust. Es wäre eigentlich ganz schön, wenn der globale Kapitalismus wenigstens - neben all seinen verheerenden Schwächen - mit seinem gut gleitenden Waren- und Geldumlauf scheinbar unüberwindbare Grenzen einschmieren und so blutige Bodenstreitigkeiten relativieren würde. Macht er aber bislang nur in Arbeiten wie eben ‹Site/Specific/Pallet/Rock› konsequent.
Auch Jonathan Monks ‹Exhibit Model One› ist nicht zuletzt ein Schmiermittel für den globalisierten Display von künstlerischen Werken: Die Wandfotos lassen sich beliebig oft an verschiedenen Orten gleichzeitig produzieren, aus einer Arbeit werden plötzlich viele. Das erinnert an etwas anderes, das wir auch auf Papier ausdrucken, und dessen Gegenwert irgendwo in einem Lager liegt: Wie das Geld, mit dem spekuliert wird, vermehrt sich in diesem Ausstellungsmodell die Kunst fast nach Belieben und kann - trotz Brexit - rasch auch über Landesgrenzen hinweg verschoben werden. Und wenn man einmal Cash braucht - oder analog dazu eine Ausstellung, die man nur noch an die Wand kleben muss - lässt man es einfach aus dem Bankomaten, bzw. dem Drucker raus. Beim Installieren werden dann erst noch Arbeitskräfte eingespart (Die dafür zum Beispiel bei der Vermittlung wieder eingesetzt werden können). Es ist möglicherweise die erste genuin kapitalistische Ausstellung. Das ist kritisch ehrlich.
Daniel Morgenthaler, Zürich, Kunstkritiker und Kurator am Helmhaus Zürich. dani_moergi@hotmail.com

Bis: 17.07.2016


Jonathan Monk (*1969, Leicester, UK) lebt und arbeitet in Berlin und Rom

1988 Leicester Polytechnic, Leicester
1991 Glasgow School of Art, Glasgow

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Paris Bar› (in Zusammenarbeit mit Douglas Gordon), Taro Nasu, Tokyo
2015 ‹Eye, Eye›, Dvir Gallery, Tel Aviv; ‹Anything by the Smiths›, Centre d'Art Neuchâtel
2014 ‹Jonathan Monk a Riso›, Museo d'Arte Contemp. della Sicilia, Fondazione Sambuca, Palermo
2013 ‹Colours Shapes Words› (pink, blue, square, circle), Centro de Arte Contemporáneo Malaga;
‹Less Is More Than One Hundred Indian Bicycles›, Kunstraum Dornbirn
2011 ‹Dear Painter Paint For Me One Last Time›, Blondeau Fine Art Services, Genève

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹The Natural Order of Things›, Museo Jumex, Mexiko-Stadt; ‹Ich / Me›, New Forms of Self-Portraiture›, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M
2015 ‹Black Sun›, Fondation Beyeler, Riehen/Basel; ‹Every Inclusion Is An Exclusion Of Other Possibilities II›, SALT, Istanbul
2014 ‹Blue Times›, Kunsthalle Wien
2013 ‹When Attitudes Became Form Become Attitudes›, Museum of Contemporary Art Detroit



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Christiane Löhr, Jonathan Monk, Jan van der Ploeg [27.05.16-17.07.16]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Jonathan Monk
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=160707102813NMZ-4
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.