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Ansichten
7/8.2016


 Wo würden Sie in hundert Jahren leben wollen? In der Stadt? Was würde dabei Ihrer Vorstellung von Urbanität entsprechen? Die im Rahmen des zukunftsdenkenden Projekts ‹Vereinslokal Utopia› entstandene Illustration regt an, über die Stadt als vielschichtiges Gefüge nachzudenken.


Ansichten - Stadt in Auflösung


  
Andreas Bertschi · vlu16_i5, 2016, Digitalprint, 88x124 cm, CC-BY-NC-SA, Andreas Bertschi und Goldproduktionen


Im März dieses Jahres fand in der Shedhalle in Zürich das Projekt ‹Vereinslokal Utopia› statt, in dessen Rahmen zehn Zürcher Vereine rund um die Frage, wie wir in hundert Jahren leben wollen, Zukunftsvisionen entwickelten. Initiiert wurde das Projekt von Goldproduktionen, dessen Drahtzieherinnen die Theaterschaffenden Christin Glauser und Seraina Dür sind. Aus den «Vereinsabenden», zu denen jeweils zwei Vereine unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Themen Geld, Raum, Macht, Glück und Zeit diskutierten, entwickelte das Projektteam eine öffentlich zugängliche, begehbare Installation, welche die Diskussionen künstlerisch dokumentierte und erweiterte. Zu sehen waren neben modellhaften Stadtentwürfen, Mitschnitten der Gespräche und Rauminstallationen auch grossformatige Illustrationen des Grafikers und Illustrators Andreas Bertschi - darunter die hier ausgewählte.
Als ein Echo auf die abendlichen Gespräche greift die Illustration das meistdiskutierte Thema Stadt(utopie) auf. Im collageartigen Prinzip überlagern sich konstruktive und dekonstruktive Elemente zeitgenössischer Stadtbilder. Neubauten, welche in den urbanen Zentren den Status von Macht, Erfolg und ökonomischer Verwertbarkeit verkörpern, sind hier in Auflösung begriffen. An den Rändern zersetzt und free floating im grossstädtischen Dschungel. Es ist das Kräftemessen zwischen einer Urbanität der (im besten Fall energie-)effizienzsteigernden Verdichtung und einer anderen, die mit ihren dunklen Nischen, unübersichtlichen Ecken und herausragenden Kanten an die Erhaltung eines organisch gewachsenen, lebendigen Charmes appelliert. Stabilität und Ordnung geht den imposanten Bauten in dieser Illustration völlig ab und die architektonische Homogenität wird durch eine Vielzahl illustrativer Massnahmen zerstört: Graphit, Acryl, Fineliner, nikotingetränkte Spucke und Tusche, mit Pinsel oder Feder aufgetragen und wieder abgekratzt, greifen die Fotografie an und lösen sie als Geste des Widerstands aus der Verankerung. Durch das anschliessende digitale Reproduktionsverfahren werden die Unebenheiten jedoch wieder eingeschliffen.
Hermetische Bauweisen wie jene in der ursprünglichen Fotografie werden zwar werbewirksam mit dem Label des Urbanen versehen, doch löscht dieses Streben in die Höhe das Pulsierende und Vielfältige aus - weil sich «Stadt» gerade nicht über, sondern auf dem Boden abspielt. Heutige Stadtentwicklungen - Paradebeispiel Zürich-West - entziehen sich so gewissermassen selbst die Grundlage, was in der vorliegenden Illustration durch das Moment der Auflösung verdeutlicht wird.
Sarah Merten ist Kunsthistorikerin und lebt in Zürich. miss.merten@gmail.com



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Ausgabe 7/8  2016
Autor/in Sarah Merten
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