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Besprechung
7/8.2016


Daniela Hardmeier :  Ausstellungen zum Gotthard haben gerade Hochkonjunktur. Das Haus für Kunst Uri nutzt den aktuellen Anlass und schafft an drei prominenten Orten entlang der alten Alpenquerung eine anregende Reise, auf der nicht nur der Kunst, sondern auch der schroff-herben Landschaft ein grosses Reflexionspotenzial innewohnt.


Altdorf : Dall'altra parte - Mit Kunst auf den Gotthard


  
links: Lutz & Guggisberg · Umzug, 2016, Ausstellungsansicht. Foto: Franz-Xaver Brun
rechts: Luc Mattenberger · The Drop, 2012, Ausstellungsansicht. Foto: Franz-Xaver Brun


Dem Gotthard-Basistunnel gelingt das Undenkbare, das sich über ihm auftürmende Massiv durch die tiefstmögliche Durchquerung in ebendiesem Akt zum Verschwinden zu bringen. Statt des beschwerlichen Auf- und Abstiegs erfolgt die Reise von Nord nach Süd in gerader Linie. Im Zuge dieser massiven Beschleunigung plädiert die von Barbara Zürcher an drei Orten konzipierte Ausstellung für eine bewusste Entschleunigung. Von Altdorf über Göschenen auf die Passhöhe führt der Weg, für den Schweizer Kunstschaffende in der Auseinandersetzung mit den vielfältigen ­Ideen und Konzepten des Mythos «Gotthard» Werke geschaffen haben. Im ehemaligen Reduit, der heutigen Fondazione Sasso San Gottardo, stemmt Simon Ledergerber mit Bauspriessen einen Quader aus Carrara-Marmor gegen die Granitdecke und lotet so das Verhältnis der Körper von Skulptur und Berg aus. Wenige Orte in diesem unermesslichen Labyrinth werden bespielt, diese jedoch prägnant und stimmig. Luc Mattenbergers Objekte scheinen mehr Prototypen denn Skulpturen zu sein, in ihrer glatten Oberfläche liegt ein betörendes Gefahrenpotenzial. Der Wassertropfen in ‹The drop› wird in seinem endlosen Fallen zur akustischen Folter, vielfach verstärkt durch die Platzierung im ehemaligen Spitalraum.
Eine Entdeckung ist die Strohbaracke in Göschenen. Diese und das ehemalige Zeughaus hat der Zuger Kunstsammler Christoph Hürlimann zum Ort für seine ­eigene Sammlung ausgebaut. Die Strohbaracke erinnert an eine Kathedrale aus Holz, die zur Bühne für die multimediale Installation des Künstlerduos Lutz & Guggisberg mutiert. Mit unerschöpflichem Humor und Hintersinn breiten sie vor uns einen den ganzen Raum durchziehenden Umzug aus. Der Wochenendstau als narratives Potenzial, eine Assemblage aus Holzobjekten, Gipsfragmenten, Vehikeln, Skulpturen und Origami, überlagert von Videoprojektionen. Der metaphorische Stau lässt die Gedanken explodieren. Im Haus für Kunst Uri treffen Geschichte und Gegenwart ebenso aufeinander wie Utopie und Wirklichkeit. Monica Ursina Jäger, Marco Fedele di ­Catrano oder Luc Mattenberger öffnen den reflexiven Raum des Gebirges. Diesen Raum sollte man sich selbst auch geben und den Weg zwischen den Stationen bewusst erfahren und den Besuch zur eigentlichen Reise ausdehnen. Wer wünscht sich da noch die freie Sicht aufs Mittelmeer?

Bis: 28.08.2016


Lesung Peter Weber, Musik Boris Previšic / pre-art Soloists, 10.7., 11 Uhr



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen dall`altra parte - Gruppenausstellung [18.06.16-28.08.16]
Video Video
Institutionen Haus für Kunst Uri [Altdorf/Schweiz]
Autor/in Daniela Hardmeier
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