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Besprechung
7/8.2016


Raimar Stange :  Anne Imhof gewann letztes Jahr den Preis der Berliner Nationalgalerie. Jetzt wird sie in der Kunsthalle Basel den ersten Akt ihrer neuen Performance-Oper ‹Angst› zeigen. Typisch dabei ihr genreübergreifender Ansatz, der die Grenzen von Bild, Skulptur, Text und Musik überaus spielerisch ignoriert.


Basel : Anne Imhof - Aus Angst?


  
links: Anne Imhof · Angst, 2016. Foto: Nadine Fraczkowski
rechts: Anne Imhof · Angst, 2016, Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger


Anne Imhof gehört zu den Kunstschaffenden, die zurzeit vor allem im Performancebereich aktiv sind, gleichzeitig spielen auch Bilder und Skulpturen in diesem Werk eine wichtige Rolle. Letzteres deshalb, weil die junge Künstlerin dank ihres erweiterten Kunstbegriffs tendenziell jede mediale Beschränkung ablehnt und unterschiedliche Genres wie Musik, Text, Installation und Theater vermischt. Deutlich wurde diese Ästhetik nicht zuletzt in ihrem performativen Projekt ‹For Ever Rage - Seance›, 2016, mit der Imhof ihre beiden Arbeiten ‹Rage›, 2014, und ‹Deal›, 2013, zusammenführte. Auf dem ersten Blick war kaum eine sinnstiftende Struktur in ‹For Ever Rage - Seance› auszumachen: Da hingen schwarze Boxsäcke von der Decke, an den Wänden waren monochrome blaue Bilder aus Aluminium platziert. Pissoirs aus Metall standen im Ausstellungsraum ebenso herum wie mit Buttermilch gefüllte Betonwannen und Paletten handelsüblicher Getränkedosen. In diesem Setting bewegten sich die Darsteller/innen, im Zeitlupentempo, reichten sich Buttermilch, produzierten einen mehrstimmigen, lauter und wieder leiser werdenden Chor - und reagierten auf die bekanntlich ebenfalls recht langsamen Bewegungen von Schildkröten, die sich ebenfalls in der irritierenden Installation befanden.
Die genauere Betrachtung von ‹For Ever Rage - Seance› aber machte klar, dass in dieser performativen Installation durchaus thematische Stränge den Ton angeben. So geht es hier um Verhältnisse, zwischen Menschen, objekthafter Umwelt und Tieren. Vor allem aber stehen zwischenmenschliche Spannungen, kommunikative Situationen und damit nicht zuletzt auch Machtstrukturen im Fokus. Jacques Rancière hat über eine genrevermischende Ästhetik, wie sie Imhof praktiziert, geschrieben, dass in ihr «die Vorstellung von einer Hybridisierung der Kunstmittel, die der postmodernen Wirklichkeit des unaufhörlichen Austauschs der Rollen und Identitäten, des Reellen und des Virtuellen, des Organischen und der mechanischen und digitalen Prothesen zu eigen ist» vorherrsche. Die Beschreibung ist nicht unzutreffend, Rancières Kritik aber, diese Ästhetik «führe zu einer Form von Stumpfsinn», da die «Wirkung der Performance gesteigert wird, ohne ihre Prinzipien in Frage zu stellen», wird von Imhofs Arbeiten ad absurdum geführt, gelingt es ihr doch gerade durch die Disparatheit der eingesetzten Materialien die Abgeschlossenheit des Mediums Performance kritisch in Frage zu stellen.

Bis: 21.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Anne Imhof [10.06.16-21.08.16]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Anne Imhof
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