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Besprechung
7/8.2016


Katharina Holderegger Rossier :  Comicfiguren fallen erst, wenn sie bemerken, dass sie keinen Boden mehr unter den Füssen haben. Der Installation, mit welcher Sonia Kacem die zwei sehr unterschiedlichen Ausstellungsetagen des Centre d'Art Contemporain Genève zurzeit ­verblüffend bündelt, kommt ein vergleichbares Moment zu.


Genève : Sonia Kacem - Prüfung und Annahme der Gravität


  
links: Sonia Kacem · Night Shift, 2016, Ausstellungsansicht, 3. Stock: das letzte der vier hinter schwarzer Plastikfolie verborgenen Kuriositätenkabinette, Centre d'Art Contemporain Genève. Foto: Annick Wetter
rechts: Sonia Kacem · Night Shift, 2016, Ausstellungsansicht, 2. Stock: Säulen, Centre d'Art Contemporain Genève. Foto: Annick Wetter


In dieser Soloschau, mit der die Künstlerin Sonja Kacem (*1985) nun nach mehreren Auftritten auf Nachwuchsschauplätzen auch in ihrer eigenen Stadt geehrt wird, scheinen die vier Kabinette, die sich hinter einer um das Wandkreuz in der Mitte des 3. Stocks geschlagenen schwarzen Plastikfolie verbergen, dazu verdammt zu sein, in den 2. Stock hinunterzusausen. Dort stossen wir nämlich auf acht monumentale Säulen, die wie im Epizentrum eines Erdbebens auf alle Seiten gekippt sind. Die fein mit Sägemehl auf den Boden gestäubte, trapezförmige Form entspricht dabei der trapezförmigen Grundfläche des Wandkreuzes im oberen Stock. Täuschend echt mit einer stellenweise vergoldeten Bronzepatina versehen sind die Säulen dabei erst auf den zweiten Blick als federleichte Theaterattrappen zu erkennen. Das Gefühl, in einem just noch halluzinatorisch zusammengehaltenen Universum zu stehen, wird dadurch aber nur verstärkt.
Bereits aus dem grossen Bogen der Ausstellung heraus versteht man deshalb den Inhalt der vier Kabinette im 3. Stock: Durch Schlitze in der bereits eine leichte Ermüdung zeigenden Plastikfolie lassen sich kurze Blicke auf ephemere, wenn auch alles andere als zufällige Konstellationen erhaschen. Kacem fächert in diesen die von ihr entwickelten Methoden plastischen Forschens und Schaffens gleichsam auf. Das erste Kabinett bleibt jedoch wie der Urgrund alles künstlerischen Wirkens im Dunkeln. Die noch unverkeilten Strukturen unterschiedlicher geometrischer Körper, die sie dagegen im zweiten vor fröhlich gestreiften Stoffbahnen ausgelegt hat, weisen auf den grundsätzlich abstrakten Ansatz der Künstlerin. Die Doppelbett-Enden, die sie im dritten Kabinett in die Vertikale gebracht hat, deuten das Interesse am Spannungsfeld zwischen Bild und Sprache an. Und der blaue Stoffwasserfall, der im vierten auf eine orange Stofflandschaft fällt, enthüllt ihren letztlich doch an der subjektiven Erfahrung orientierten künstlerischen Ansatz. Ein Kapitell und ein Tuch sehen aus, als ob sie vom Wind des bevorstehenden Falls des Ganzen in die Ecken geweht wurden, und erinnern an die architektonische Hülle, die darum herum noch steht. Kacem begeistert nicht nur mit ihrem plastischen Talent. Vielmehr befreit sie für einen Moment von der Chimäre, dass irgendetwas in unserem Leben fest und verlässlich sei, und zeigt, dass stets neue Gestaltungskraft gefragt ist. Das ist zwar banal, muss aber immer wieder neu erfahren werden.

Bis: 14.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Sonia Kacem, Emilio Prini [20.05.16-14.08.16]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Sonia Kacem
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