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Besprechung
7/8.2016


Nicola Schröder :  Bei einem Besuch im Kunsthaus Glarus lernt man aktuell ­‹Cynthia› kennen - eine Kunstfigur in bester Künstlerinnen-Tradition. Sie wird verkörpert von Shana Moulton (*1976, Oakhurst, USA), die für ihr Alter Ego einen Alltag zwischen Shopping-TV, Brockenhaus-Charme und Sanitätshausromantik inszeniert.


Glarus : Shana Moulton - Every Cell Is a Bell


  
links: Shana Moulton · Every Angle is an Angel, 2016, Videostill
rechts: Shana Moulton · Every Angle Is an Angel, 2016, 1-Kanal-Videoprojektion, 6'19''; Every Cell Is a Bell, 2016, 2-Kanal-Videoprojektion, 14'16''. Foto: Gunnar Meier


Im Zentrum der Ausstellung ‹Every Cell is a Bell› stehen Videos rund um Cynthia und ihre materialistische und pseudo-spirituell versponnene Existenz. Die Videos gehören zu einer Serie mit dem Titel ‹Whispering Pines›, die seit 2012 fortlaufend anwächst. Mit einer betont billigen Machart und Ästhetik persifliert Shana Moulton hier die Kultur von Musikvideos, Werbespots und Youtube-Clips. Die Ausstellung stellt Cynthias Kosmos vor, der primär in ihrer heimischen Wohnung besteht und ausstaffiert ist mit allerlei billigem Nippes und mit Esoterik-Artikeln. Der totalen Gewöhnlichkeit und Sinnlosigkeit versucht Cynthia zu entkommen, indem sie sich mit verheissungsvollen Kommerzartikeln umgibt. Hierfür trägt Shana Moulton anhaltend neue Gegenstände zusammen, Objekte, die im gleichen Masse sinnentleert wie symbolhaft sind.
Zusammen mit den Videos bilden sie das Repertoire der Ausstellungssituation. Die Motive des Sammelns und der systematischen Ordnung vermitteln den Zwang, dem Leben eine Struktur zu geben. Tatsächlich nähren die Gegenstände erst noch die Sehnsüchte nach einem besseren und selbstbestimmten Leben. Staubfänger werden da zu religiös überhöhten Reliquien, dilettantische Katzenporträts und metallene Kleiderständer zu Ikonen. Mittendrin bewegt sich Cynthia mal grell geschminkt, mal mit dunkel unterlaufenen Augen. Ihre Kosmetika, Beautyprodukte und Polyester-Kleider sind ihr ebenso zentrale Elemente wie Bergkristalllampe und Zimmerbrunnen. In alles steigert sie sich hinein bis hin zur Wahrnehmungsverschiebung - nicht zuletzt ausgelöst durch fragwürdige Substanzen in ihren Fitnessprodukten. In ihrer Welt geht Cynthia durch Wände, haben Wegwerfartikel magische Kräfte und tanzen Stützstrümpfe psychedelische Muster.
Das Video ‹Every Angle is an Angel› ist unterlegt mit der Bonnie-Tyler-Liedzeile «Once upon a time I was falling in love. But now I'm only falling apart». Es beschwört die Glaubensbekenntnisse und Heilsversprechungen der Gegenwart. Selbstüberhöhung liegt hier direkt neben Selbstverleugnung und übersteigerte Erwartung neben Enttäuschung. Unterlegt vom morbiden Charme des Glarner Kunsthauses wirkt ‹Cynthia› wie eine in abgewohnter Kulisse gefangene und herumgeisternde Seele.


Bis: 21.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Shana Moulton [22.05.16-21.08.16]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Nicola Schröder
Künstler/in Shana Moulton
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