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Besprechung
7/8.2016


Gabriele Lutz :  Es mag in unserer säkularisierten Welt unzeitgemäss anmuten, «heiligen Besuch» zu empfangen. Die Rede ist von einer Gruppe von fünfzehn gotischen Skulpturen aus der Sammlung Bührle zu Gast im Museum zu Allerheiligen. Die Gegenüberstellung mit Madonnenbildern von Annelies Štrba schafft Aktualitätsbezug.


Schaffhausen : Gotische Skulptur und Annelies Štrba - Heiliger Besuch


  
Annelies Štrba · Madonna 1, Pigmentdruck auf Leinwand, 2016, 125x185 cm


In der Reformation vor fünfhundert Jahren wurden die mittelalterlichen christlichen Bildwerke ihrem Kontext religiöser Verehrung und ritueller Verwendung entrissen. Was erhalten ist, entging damals - oft per Zufall - der Zerstörungswut der Bilderstürmer. Heute fristen diese Skulpturen ein eher ruhiges Dasein in öffentlichen Sammlungen, wo sie zum Gegenstand ästhetischer Andacht geworden sind. In ihrer inhaltlichen Lesbarkeit sind sie dem modernen Publikum fremd geworden. Weshalb hält die eine Figur ein zerbrochenes Rad? Das Attribut zeichnet sie als die heilige Katharina aus. Mit weiteren Heiligen gehört sie zu den sogenannten vierzehn Nothelfer/innen, die den christlichen Gläubigen Schutz und Trost im Alltag bedeuteten. Die Wichtigste aller Heiligen ist Maria, die Muttergottes, Sinnbild mütterlicher Fürsorge und Hingabe, sei es als Thron Gottes oder als Pietà mit dem toten Christus im Schoss. Für die Foto- und Videokünstlerin Annelies Štrba sind die bildlichen Darstellungen der Muttergottes seit vielen Jahren von gro­s­ser Anziehungskraft. Davon zeugt der gewaltige Bilderfundus, den sie kontinuierlich erweitert. Mit ihren Adaptionen und Interpretationen, ausgeführt in farbintensiven Pigmentdrucken auf Leinwand, erfährt Maria in inniger Verbundenheit mit ihrem Kind als die christliche Urmutter aktuelle und zeitlose Präsenz. Im Bild von Maria als Beschützerin und Vermittlerin von Geborgenheit begegnen sich Mittelalter und Gegenwart. Da gilt es, auf die prachtvolle mittelalterliche Schutzmantelmadonna hinzuweisen, unter deren weitem Mantel die Menschlein hervorlugen.
Beim Betreten des Ausstellungssaals tritt man einer hieratisch aufgereihten Delegation gegenüber, postiert auf sich nach oben verjüngenden Sockeln, in Analogie zum erhöhten Standort, dem Altar, auf dem sich die geschnitzten Figuren einst den Gläubigen in Untersicht präsentierten. Für die Evokation eines sakralen Raums hat die Ausstellungsregie einen kleinen wirksamen Eingriff vorgenommen: Die Madonnenbilder Štrbas an der Eingangswand kippen mit dem oberen Bildrand leicht in den abgedunkelten Raum. Die Stirnwand gegenüber ist mit dem Zyklus ‹Icons› als leuchtende Bilderwand inszeniert, dicht an dicht gehängte Madonnenbildchen mit 105 sakralen und profanen Madonnen - in der Tradition von Votivbildern. Der neuen Direktorin Katharina Epprecht gelingt es in ihrer ersten Ausstellung, die Geschichte des Hauses - Aller-Heiligen - in der Gegenwart zu verankern.

Bis: 28.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Heiliger Besuch (Slg. Bührle), A. Strba [19.03.16-28.08.16]
Institutionen Museum zu Allerheiligen [Schaffhausen/Schweiz]
Autor/in Gabriele Lutz
Künstler/in Annelies Štrba
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