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Besprechung
7/8.2016


Iris Kretzschmar :  Die sorgfältig kuratierte Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn ermöglicht Einsichten in die Zusammenhänge des vielgestaltigen Œuvres von Ingeborg Lüscher: Neben zentralen Arbeiten aus 45 Jahren sind auch jüngste, noch nicht gezeigte Werkgruppen berücksichtigt.


Solothurn : Ingeborg Lüscher - Das Dasein durchdringen


  
links: Ingeborg Lüscher · Das Bernsteinzimmer, 2003, Installation, 9000 Stück SOLE-Seife, 400x400 cm, Detail II ©ProLitteris
rechts: Ingeborg Lüscher · Das Herz auf dem Weg zur Werdung, 1975, 22 Vitrinen mit Steinen ©ProLitteris


‹Das Licht - und die Dunkelheit knapp unter den Füssen› lautet der Titel der Ausstellung, der zugleich Leitmotiv des poetisch-existentiellen Werks von Ingeborg Lüscher ist. Er steht für die Dualität von Hell und Dunkel vieler wichtiger Werke und verkörpert die Idee der Verwandlung. Lüscher entdeckte 1986 Sulphur als Werkstoff. Seither entstanden Bilder und Objekte aus gleissendem Schwefel und tiefschwarzer Asche, die sich mit der Urgewalt von Weltentstehung verbinden. Ihre ‹Schwefelschachteln›, 1993-95, zeugen von der entmaterialisierenden Leuchtkraft und transformieren die schlichten Behältnisse zu strahlenden Energieträgern. Gelb zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Schaffen, so auch beim eigens für die Ausstellung wieder aufgebauten ‹Bernsteinzimmer›, 2003, aus 9000 SOLE-Seifen. Die Installation umfängt die Besucher/innen mit Duft und warmem, ockerfarbenem Licht - sie wird zu einem Erinnerungsraum, wo Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen.
In ‹Die andere Seite›, 2012, stellt sich die Künstlerin den Abgründen von Schmerz, Hass und der Frage nach Versöhnung in der Konfrontation des Konflikts zwischen Israel und Palästina. Ihre Hingabe ans Menschliche zeigt sich auch am frühen Interesse für Aussenseiter, der bekannten Arbeit ‹A.S.›. Einen ganzen Wald hatte der menschenscheue Armand Schulthess in einen eigenen Kosmos verwandelt. Lüscher dokumentierte das auf unzähligen Blechtafeln notierte Wissen und setzte dem einsamen Sonderling ein unvergessliches Denkmal an der documenta 1972. Hier lernte sie ihren Lebenspartner Harald Szeemann kennen. An ihn erinnert eine schamanistisch wirkende Erscheinung aus Dattelnetzrinde, ‹Tarnkappe für einen gesuchten Mann›, 1998. Zu den jüngsten Arbeiten gehören die Fotoserien ‹300 Millionen Jahre›, 2014, und ‹Die unbezähmbaren Linien und das weite Feld›, 2013-15. Darauf sind mikroskopische Strukturen, die an Landschaftliches und inselartige Welten erinnern. Beiden Arbeiten ist Zeit und Verwandlung eigen: einerseits das Erleben der Veränderung des eigenen Körpers, andererseits die Beobachtung von uralten Flechten, die ein Menschenalter obsolet erscheinen lassen. Lüschers Werke entziehen sich einer einfachen Lesart und fordern die Lust am Mitdenken heraus. Sie zeigen ihre leidenschaftliche Suche nach Erkenntnis. Mit unterschiedlichen Medien deckt die Künstlerin Zusammenhänge zwischen dem Erleben des Menschen und dem Erfahren von Natur auf: ein Lebensstrom aus Licht und Schatten.

Bis: 24.07.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Ingeborg Lüscher [30.04.16-24.07.16]
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Iris Kretzschmar
Künstler/in Ingeborg Lüscher
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