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Besprechung
7/8.2016


Fabienne Liptay :  Der Künstler Akram Zaatari leistet Arbeit am medialen Gedächtnis der arabischen Welt. Unter dem Eindruck des libanesischen Bürgerkriegs bergen seine Fotografien, Filme und Installationen, was verschüttet oder verworfen wurde. Das Kunsthaus Zürich widmet ihm die erste Einzelausstellung in der Schweiz.


Zürich : Akram Zaatari - Archäologie des Verschwindens


  
Akram Zaatari · Letter to a Refusing Pilot, 2013, HD-Video, Farbe, Ton, 34', Video still, Ed. 7 + 2 AP, Courtesy Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut


Fossilien nennt Akram Zaatari (*1966) die Dinge, die in seinen Arbeiten zu sehen sind: Tagebücher, Alben, Tonbänder, Filmaufnahmen und Fotografien. Fossi­lien sind konservierte Zeugnisse eines vergangenen Lebens oder seiner Spuren. Sie sind das, was vom Verschwinden übrig bleibt. Mit den Gesten des Archivars werden sie vom Künstler wiederholt ins Bild gesetzt, auf lichtweissem Grund, wo sie einen Schatten werfen, der ihre materielle Existenz verbürgt. Es sind biografische Dokumente des Künstlers, aber auch Bestände der von ihm mitbegründeten Arab Image Foundation, die sich der Aufgabe widmet, das fotografische Erbe der arabischen Welt zu bewahren. Was dem Betrachter in Zaataris Bildern begegnet, sind die ausgegrabenen Überreste der Geschichte, die zunächst einmal die Frage aufwerfen, ob und wie diese Geschichte mit ihnen überhaupt dargestellt oder erzählt werden kann.
Den äusseren zeitlichen Rahmen der Ausstellung im Kunsthaus Zürich bilden die im Abstand von zehn Jahren entstandenen Filme ‹This Day› von 2003 und ‹Letter to a Refusing Pilot› von 2013. Beides sind Recherchen am medialen Gedächtnis, am Schreiben der Geschichte des Nahen Ostens auf der Basis von persönlichen Notizen, Fotografien, Filmen, Briefen oder Blogs. Dazwischen liegt - neben anderen ausgestellten Werken - die Arbeit ‹Saida June 6, 1982›, die in zwei Versionen, als Komposit-Fotografie und als Video-Loop, zu sehen ist. In einer Abfolge verschiedener Ansichten, die wie Blicke durch ein Visier anmuten, werden die Zerstörungen kartografiert, die Zaataris Geburtsstadt während der Luftangriffe am ersten Tag des Libanonkriegs erlitt. In ‹Letter to a Refusing Pilot› erhalten diese Blicke aus der Luft eine andere Wendung, wenn sie gefalteten Papierfliegern über die Stadt in Richtung Meer folgen. Die Briefbotschaft ist an einen Piloten der israelischen Armee gerichtet, der den Befehl verweigerte, ein Schulgebäude zu zerstören, und die Bomben stattdessen über dem Mittelmeer abwarf. Lange Zeit hielt Zaatari, dessen Vater Direktor der Schule war, diese Erzählung für eine Legende, bevor er erfuhr, dass der Pilot tatsächlich existierte. Der Raum, den die Papierflieger durchmessen, liegt irgendwo zwischen der Rekonstruktion und der Imagination des Geschehens. Darin lässt sich die Grenze zwischen Forschung und Kunst kaum mehr ausmachen. Was beide hier miteinander verbindet, sind die medialen Praktiken, die der Organisation persönlicher und kollektiver Geschichte zugrunde liegen.

Bis: 31.07.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Akram Zaatari [20.05.16-31.07.16]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Fabienne Liptay
Künstler/in Akram Zaatari
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