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Besprechung
7/8.2016


Sabine Rusterholz Petko :  Im Aargauer Kunsthaus rattern derzeit unzählige 16-mm-Filmprojektoren. João Maria Gusmão & Pedro Paiva schaffen ein magisch-träumerisches Universum zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und schelmischer Absurdität. Mit Filmen, Fotografien und Skulpturen verwandeln sie den Raum in ein Labyrinth.


Aarau : Vom Dunkel ins Licht - Labyrinth der Erkenntnis


  
João Maria Gusmão & Pedro Paiva · Fruit polyhedron, 2009, 35-mm-Film, Farbe, ohne Ton, 2'42'', Produziert von Inhotim Cultural Center, Minas Gerais, Brasilien, Courtesy Galeria Fortes Vilaça, São Paulo; Galeria Graça Brandão, Lissabon; Sies + Höke, Düsseldorf, Zero Mailand


Wer diese Ausstellung besucht, der darf sich auf belebende Hirngymnastik und Orientierungsverlust freuen. Das Duo, das seit 2001 gemeinsam arbeitet und spätestens 2009 mit seinem Beitrag für den portugiesischen Länderpavillon der 53. Biennale in Venedig auf dem internationalen Radar erschien, präsentiert in Aarau seine bisher grösste Retrospektive. Bereits im Foyer deutet eine menschliche Bronzeplastik, auf schiefem Boden balancierend, das nachfolgende Terrain vague an. Als Prolog zum Parcours steht ein optisches Verwirrspiel von Kreisrotationen in einer 16-mm-Film-Installation im Dialog mit einem Kameratest mit Fokus auf eine drehende Waschmaschine. Dieser Spannungsbogen zwischen Banalität und Abstraktion ist für das Werk durchaus charakteristisch. Anschliessend verliert man sich im filmischen Kosmos, in einem Wirrwarr von schief arrangierten Wänden und Kabinetten, welche die Räume des Kunsthauses geschickt in ein Labyrinth verwandeln. Dort erscheinen allerlei Tiere, kulturelle und technische Errungenschaften sowie eine Camera obscura - allesamt verwickelt in rätselhafte Erscheinungen. Ein Schwerpunkt der Schau ist den jüngsten Japanreisen des Duos gewidmet, wo es Hightech und seine Herausforderungen für die Kamera vor die Linse nahm. Die stummen Kurzfilme, mit einfachen Mitteln und sparsamer Bildsprache produziert, entfalten in kondensierten Schlüsselmomenten eingängige, fast skulpturale Präsenzen.
Nach einer letzten Sequenz, in der die Künstler japanischen Kugelfisch, auch ­Fugu genannt, verspeisen und dabei selbst am Abgrund zwischen Licht und Dunkel oder Euphorie und Überdosis stehen, tritt man abrupt ins Helle. Der Parcours, der dann folgt, ist die bisher umfangreichste Präsentation von Skulpturen und zeigt das zeitbasierte, filmische Denken auch in fester Form. Viele Motive wiederholen sich - so etwa der Fugu, ein Kohlkopf, oder die Waschmaschine - als in PVC gegossene japanische Speiseattrappen, als Readymade oder auch als Bronzeskulpturen. Gezielt ziehen die beiden Referenzen aus der Literatur und der Philosophie des Unerklärlichen und Rätselhaften heran, etwa die Theorie der ‹Abbissology› des französischen Schriftstellers René Dauma. Sie verkörpert die Rebellion gegen den rationalen Kanon und letztendlich auch gegen die westlichen Gesellschaften.

Bis: 07.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Joao Maria Gusmao, Pedro Paiva [30.04.16-07.08.16]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Sabine Rusterholz Petko
Künstler/in Joao Maria Gusmao
Künstler/in Pedro Paiva
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