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7/8.2016




Basel : Rafael Lozano-Hemmer


von: Yvonne Ziegler

  
links: Rafael Lozano-Hemmer · Pulse Room, 2006, Courtesy HeK ©ProLitteris. Foto: Franz Wamhof
rechts: Rafael Lozano-Hemmer · Pu Rundant ­Assembly, 2015, Courtesy HeK ©ProLitteris. Foto: Franz Wamhof


Wir hinterlassen überall Spuren. An bebilderten Wänden, im niedergetretenen Gras und auf unzähligen Servern. Im Gegensatz zu Fussabdrücken sind unsere digitalen Datenspuren in der physischen Realität unsichtbar, und das, obgleich biometrische Erfassungstechnologie Physisches aufzeichnet: unser Gesicht, unsere Fingerabdrücke, unseren Herzschlag etc. In der spannenden interaktiven Ausstellung ‹Preabsence› im Haus der elektronischen Künste Basel macht der mexikanisch-kanadische Künstler Rafael Lozano-Hemmer (*1967) Schnelligkeit, Funktionsweise und Möglichkeiten von neuesten Erfassungs- und Kommunikationstechnologien unmittelbar physisch erfahrbar. Dabei gelingt es ihm, Gefühle kollektiver Verbundenheit, Technikfaszination und kritische Reflexion gleichermassen zu evozieren.
Wer auf dem überdachten Vorplatz für 10 bis 15 Sekunden die beiden Griffe des Interface von ‹Pulse Room› anpackt, wird für kurze Zeit seinen Herzschlag als einzeln pochende Stimme und flackerndes Leuchten erfahren. Anschlies­send stimmt die Aufnahme in das Konzert aller vorher da gewesenen Herzen ein. Alleinige Präsenz geht in ewiges Zusammensein über und verschwindet erst aus dem System, nachdem sie alle 127 möglichen Positionen von Glühlampen passiert hat. Eine weitere Arbeit im Treppenabgang vergleicht das Gesicht des Besuchers mit denen von 43 vermissten Studierenden, die auf einer Demonstration in Guerrero, Mexiko, festgenommen wurden und angeblich tot sind. In Sekundenschnelle ist der Vergleich per Gesichtserkennungssoftware geschehen, wobei am oberen Bildschirmrand angezeigt wird, wie hoch die Übereinstimmung des eigenen Gesichts mit dem des/der Vermissten ist. Man könnte selbst eine vermisste Person sein oder fälschlicherweise für jemand anderes gehalten werden.
Viele Werke sind reflexiv-poetisch: Auf einem Bildschirm verflüchtigt unser Körperumriss die Buchstaben eines Textes von Charles Babbage, Verse von Gedichten Octavio Paz' erscheinen in einem Wasserdampfbecken, dessen Dunst durch Ultraschallzerstäuber gebildet wird, und schliesslich wird in ‹Rundant Assembly› unser Kopf von sechs Positionen im Raum aufgenommen und zu einem neuen vibrierenden Konterfei gemorpht. Lozano-Hemmers Werke sind Arbeiten von besonderer Ästhetik, deren poetische Schönheit bezaubert und welche die extrem ausgefeilten Möglichkeiten heutiger Überwachungstechniken ohne erhobenen Zeigefinger vorführen.

Bis: 28.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Rafael Lozano-Hemmer [08.06.16-28.08.16]
Institutionen HeK Haus der elektronischen Künste Basel [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Rafael Lozano-Hemmer
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