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7/8.2016




London : Mona Hatoum


von: Hans Rudolf Reust

  
Mona Hatoum · Light Sentence, 1992, Mixed Media, 1,98x1,85x4,90 m, Courtesy Centre Pompidou, Musée national d'art moderne, Paris. Foto: Philippe Migeat


In der Tate Modern ist ein umfassender Überblick über das Werk von Mona Hatoum (*1952, Beirut) zu sehen, eine Ausstellung, die bereits im Centre Pompidou Paris Station machte und danach weiter ins Kiasma Helsinki zieht. Selten hat Kunst eine so hohe physische Präsenz, die unausweichlich auch das Denken erfasst.
Von Hatoums frühen Performances im öffentlichen Raum über ihre Arbeiten auf Papier, Fotografien, kleinere und grössere Objekte bis hin zu raumfüllenden Installationen spannt sich medial und thematisch ein dichtes Panorama von Kunst, die bewegend ist und bewegt: Unvergesslich bleibt die am Boden sich grossflächig ausdehnende Weltkarte aus klaren Glaskugeln, in der die Kontinente jederzeit leicht wie im Billard der Politik auseinanderdriften könnten. Sie ist ein prekäres Welt-Ganzes, tout-monde, wie Edouard Glissant es nennen würde, aus gleichen und ständig sich aneinander reibenden Teilen. Vor einer weiten Fensterfront im obersten Stockwerk des Centre Beaubourg begann dieses fragile Ensemble im seitlich einfallenden Abendlicht auf einmal zu leuchten, als hätte sich die ganze Welt zu einer Inselgruppe über dem Dächermeer von Paris versammelt und auch diese Stadt schon in sich aufgenommen. Nebenan führt die Blickreise in einem Video-Selbstporträt durch die Mundhöhle und die Speiseröhre der Künstlerin hinab ins Innerste ihres Körpers. Der ständige Wechsel der Sichtweisen und Dimensionen zwischen ­einem einzelnen Haar und der Kartografierung des Globus lässt die Verständigung über Welt nie zur Ruhe kommen. Oft erinnert eine strenge kubische Geometrie an Minimal Art, nur um sie aus der Neutralität ihrer glatten industriellen Materialien zu lösen und hautnah wieder zu erfinden in affektiv besetzten Stoffen oder in filigranem Stacheldraht, der sogar visuell verletzt: ‹Impenetrable›. Oft bringt pulsierendes oder schwankendes Licht die Raumorientierung ausser Fassung. Sprachlich pointierte, doch mehrschichtig assoziative Titel verstärken die Erfahrungen unausweichlicher Bedrohung und verbindlicher Momente der Entscheidung: ‹Light Sentence›, ‹Present Tense›, ‹Corps étranger›, ‹Undercurrent›, ‹Waiting is forbidden›.
Edward Said erkannte in den tiefen Verschiebungen, im unversöhnten Zeigen der Fremdheit vertrauter Dinge bei Mona Hatoum eine grundlegende Erfahrung des Exils. Ihre Sicht auf eine Welt im Fluss kann auch bei einer permanenten Installation an der Hochschule der Künste in Bern Bethlehem erfahren werden: ‹Silver Lining› vereint die leuchtenden Konturen aller Länder der UNO an einer Neon-Decke. In loser Drift fliessen sie durch die lange Werkstrasse, spiegeln sich in den Stirnfenstern und setzen sich über den Raum hinaus als eine Spur der Hoffnung fort ins Schwarz der Nacht.

Bis: 21.08.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Mona Hatoum [04.05.16-21.08.16]
Institutionen Tate Modern [London/Grossbritannien]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Mona Hatoum
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