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7/8.2016




Metz : Sublime


von: J. Emil Sennewald

  
links: Ursula Biemann · Deep Weather, 2013
rechts: Susan Hiller · On the Edge, 2015 ©ProLitteris


Ob Höllenschlund oder Bergesgipfel, Vulkanausbruch oder Meerestoben: Der Mensch, allein und klein, ist der Natur in all ihrer Grösse nicht machtlos ausgeliefert. Das Erhabene rettet ihn. Von Edmund Burke 1757 als «sublime» entworfen, von Friedrich Schiller 1793 als «das Erhabene» zu ästhetisch-politischer Grösse ausgearbeitet, löst der schöne Schock den Einzelnen von Bedingtheiten. Er versteht: «Kein Mensch muss müssen.» Die moralische Erhebung hat ihren Preis. Gezahlt wird mit Bildern. Sie entfernen reale Bedrohungen dank Vorstellungskraft. Und isolieren. Vereinzelt, wie Caspar David Friedrichs ‹Wanderer über dem Nebelmeer› als Betrachter mit Überblick, erstarrt das Individuum als imaginär mächtiges Subjekt. Heute, angesichts einer galoppierenden Bilderinflation und anschwellender Klimakatastrophen, liefern Bilder Aufschub statt Erhebung. Sehkredit für reale Schrecken, günstig vertrieben durch Industrien des Sublimen. Dabei müsste der Einzelne jetzt handeln statt staunen. Findet auch Kunsthistorikerin Helene Meisel. Und macht eine Inventur des Erhabenen: vom Freiheitshelfer zum Konsumverstärker. Zusammen mit Kustodin Hélène Guenin hat sie die Ergebnisse zu einer dichten Ausstellung verwoben. Das Ergebnis ist ein lehrreicher, bisweilen überladener Gang durch Wissen, bei dem Burke und Schiller auffällig fehlen, obwohl historische Positionen durchaus eingearbeitet worden sind. So folgen auf Adrien Missikas Video ‹Darvaza›, das er 2011 am Rande des «Höllentors» in Turkmenistan drehte, ­einem seit 1971 brennenden Gaskrater, der durch geologische Bohrungen zufällig entstanden ist, Robert Hills schön-schreckliche Hinterglasbilder, die 1860 für die Laterna Magica angefertigt wurden. Historische Bergfotos aus dem 19. Jahrhundert neben Heliogravüren von Dove Allouche von 2009 zeigen die Rhetorik des Sublimen als Mediengeschichte. Auf diesen beiden Hauptachsen - Erhabenes und Umweltschutz, Sublimes und Medien - liefert die Ausstellung zwar tolle Fundstücke - man entdeckt den Einfluss des Vulkanforscher-Ehepaars Maurice und Katja Krafft auf die Bildgeschichte rauchender Krater, staunt vor Martin Engelsrechts Silhouetten-Theater zum Erdbeben in Lissabon von 1755 und geniesst den Text, mit dem Dora García 2006 ‹Les fins du monde› als Resultat literarischer Verführungskraft entlarvt -, doch wenn dann Ursula Biemanns Video ‹Deep Weather›, 2013, drängend fragt: Was tun?, bleibt die didaktische Ausstellung eine Antwort schuldig. Reich an Wissen, doch arm an Erkenntnis steigt der Besucher eine Etage höher. Und kann mit Tadashi Kawamatas Treibholz-Decke ‹Under the Water› Tsunami und Zerstörung als ästhetische Erfahrung erleben - diesen Teil leider nur bis Mitte Juni.

Bis: 05.09.2016



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Ausgabe 7/8  2016
Ausstellungen Sublime. Les tremblements du monde [11.02.16-05.09.16]
Institutionen Centre Pompidou Metz [Metz/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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