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Fokus
9.2016


 Wie können sich künstlerische Strategien auf dem Feld realer sozialer und ökonomisch bedingter Konfliktzonen bewähren? Angesichts von politischen Krisensituationen sind auch in Bereichen der Kunst und Architektur viele Initiativen und Projekte entstanden, die Themen wie Migration und Globalisierung prioritär behandeln. Wie sehen diese aus?


Social Design - Interventionen in einer Welt voller Missstände


von: Patricia Grzonka

  
links: Eoos, Social Furniture, Gemeinsam Kochen: Küchenmöbel-Design in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien-Erdberg, Projekt im Rahmen des Österreich-Beitrags bei der Architektur Biennale Venedig 2016. Foto: Paul Kranzler
rechts: transparadiso · Du bakchich pour Lampedusa, Kunstprojekt im öffentlichen Raum in Sousse/Tunesien, 2014


Nicht erst seit dem letzten Sommer, als die Migrationsbewegungen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika einen akuten Höhepunkt erreichten, befassen sich Kulturinstitutionen mit politischen und sozialen Themen. Aber waren es früher nur wenige Orte, die sich dezidiert einer engagierten Kunstpraxis widmeten - wie beispielsweise die Shedhalle Zürich -, so hat die aktuelle Situation nun auch andere Ausstellungshäuser oder Festivals erreicht, die sich sonst nicht so klar positioniert haben, was beispielsweise auf der diesjährigen Architektur Biennale in Venedig besonders merkbar ist. Die Frage nach Unterkünften für Flüchtlinge und deren mögliche Integration in die westeuropäischen Gesellschaften wird beispielsweise im Deutschen, Österreichischen und Finnischen Pavillon thematisiert.

Arrival City
«Making Heimat. Germany Arrival Country» im Deutschen Pavillon stellt eine Datenbank aller realisierten deutschen Flüchtlingsunterkünfte ins - immaterielle - Zentrum der Präsentation. «Die Projekte zeigen die Realität in Deutschland. Es ist keine Sammlung der besten Beispiele und kein Architekturpreis, sondern soll die Diskussion anregen», heisst es auf der Homepage. Ist das Internet einerseits Ort der Vermittlung, so symbolisiert der Deutsche Pavillon selbst in seiner baulichen Transformation die Öffnung der Grenzen. Vier Mauerdurchbrüche erlauben im denkmalgeschützten Gebäude freie Durchblicke aufs Mittelmeer. Verantwortlich für die Umsetzung ist das Deutsche Architekturmuseum in Zusammenarbeit mit dem Berliner Architekturbüro Something Fantastic. Das dreiköpfige Team von Something Fantastic unterrichtet seit zwei Jahren an der ETH Zürich im Fachbereich Urban Design. Das Interesse von Julian Schubert, Elena Schütz und Leonard Streich gilt dem informellen Städtebau, das Team beschäftigt sich mit «Situationen, in denen Architekten und Städtebauer normalerweise nicht arbeiten», wie Elena Schütz erklärt. Für die Architektin ist die Öffnung des Pavillons nicht nur ein politisches und architektonisches Statement, sondern auch eine Willkommensgeste für die Ausstellungsbesucher. Schütz: «Wir wollten eine Offenheit, Zugänglichkeit und Erreichbarkeit der Arrival City im Pavillon zeigen. Das Öffnen der Wände erschien uns als eine sehr direkte und gleichzeitig stimmige Übersetzung. Es ging uns darum, etwas mit dem Raum im und um den Pavillon zu machen, diesen zu verändern. Gleichzeitig wollten wir die Direktheit, mit der in vielen Arrival Cities kommuniziert wird, auch in den Pavillon tragen und haben deswegen die Inhalte so deutlich und einfach wie möglich formuliert.»
Social Design heisst eine seit einigen Jahren vermehrt geübte Praxis, die nicht abstrakte Theorien in den Mittelpunkt eines städtebaulichen oder architektonischen Entwurfs stellt, sondern Möglichkeitsräume öffnen möchte, die mit Akteur/innen und Bewohner/innen eines spezifischen Gebiets entwickelt werden. Nicht die Menschen werden designt, sondern gesellschaftliche Prozesse.
Im Zusammenhang mit Migration sind in zahlreichen Ländern auch Initiativen mit dem Ziel entstanden, Übergangsquartiere für Refugees sinnvoll mit den wichtigsten Basis-Strukturen auszustatten - vieles davon ist nur mit viel freiwilligem Einsatz realisierbar. Darunter befindet sich das Magdas Hotel in Wien - ein von der Caritas geführtes öffentliches Hotel beim Prater, in dem Flüchtlinge temporär beschäftigt werden und zum Teil auch wohnen.
Ein anderes Beispiel ist die Umgestaltung leer stehender (Büro-)Immobilien in Flüchtlingsunterkünfte, die von drei Architektenteams vorgenommen wurden. Unter dem Titel ‹Orte für Menschen› werden diese Interventionen auf der Architektur Biennale im Österreichischen Pavillon vorgestellt. Das Wiener Designbüro EOOS entwickelte dabei ein beeindruckendes, universell einsetzbares Tool einfacher Do-it-yourself-Möbel, die gemeinsam mit den Bewohner/innen einer Flüchtlingsunterkunft in Wien-Erdberg gebaut wurden - Social Furniture. Grosses Engagement von Seiten des Designbüros begleitet den vielschichtigen Beitrag, bei dem es auch um eine weitere Entwicklung von nichtkommerziellen Ideen für ein nachhaltiges Leben geht - jenseits des aktuellen Migrationskontexts.

Bienvenue
Wie schwierig es ist, adäquate Konzepte für Integration und Stadtplanung zu entwickeln, die nicht nur auf baulicher Ebene zufriedenstellen, sondern vor allem auch soziale Bedürfnisse abdecken sollen, weiss auch die Künstlerin Barbara Holub. Mit Paul Rajakovics und dem gemeinsamen Atelier transparadiso realisiert sie seit Längerem Projekte im öffentlichen Raum, bei denen unter dem Begriff «Direkter Urbanismus» Prozesse sozial orientierter Stadtplanung entwickelt werden. Ob für eine transnationale Installation auf einem Platz in der kleinen Stadt Pottenhofen an der tschechischen Grenze oder für das künstlerische Projekt ‹Du bakchich pour Lampedusa› in Sousse/Tunesien zum Thema Korruption - die eigene Involvierung und den achtsamen Umgang mit Migrantinnen und Migranten versteht die Künstlerin als Teil einer erweiterten Perspektive auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge.
Aktuell arbeitet transparadiso an einem Stadtteil-Projekt in Wien, dem Bienvenue, das sich neuen Formaten des Zusammenlebens von «Beheimateten» und «Heimatlosen» widmet - als einem Zentrum des sozialen Bewusstseins und des Austauschs. Holub hat für das Bienvenue monatelang in einer Wiener Flüchtlingsunterkunft Gespräche mit Migrant/innen geführt und deren Bedürfnisse erforscht. «Mir wurde schnell klar, dass ein wesentlicher Aspekt ist, Programme zu entwickeln, in denen die Ankömmlinge ihre Fähigkeiten und Neigungen entdecken und weiterentwickeln können, um sie an eine berufliche Perspektive heranführen zu können. Gleichzeitig sollen Projekte konzipiert werden, in denen wir von den Ankömmlingen und deren kulturellen Hintergründen lernen. Durch künstlerische Strategien kann der strapazierte Begriff der Partizipation neu formuliert werden.»
«Möglichkeiten einer postmigrantischen Schweiz» lotet noch bis Ende September das in der Shedhalle Zürich laufende Projekt ‹Die ganze Welt in Zürich› aus. Eingeladen von Katharina Morawek entwickelte der österreichische Künstler Martin Krenn (*1970) ein dialogisches Format rund um die Thematik der Stadtbürgerschaft. ‹Urban Citizenship› orientiert sich an amerikanischen und kanadischen Städten wie San Francisco oder Vancouver, die einen temporären legalen Status für Migrant/innen in Form eines Citypasses zur Verfügung stellen. Im Laufe des Projekts sind auch Bootsfahrten auf dem Zürichsee unternommen worden, um verschiedenste Akteure informell zusammenzuführen und Meinungen aufeinanderprallen zu lassen. Solche dialogischen, performativen und auch spielerischen Formate können derart nur im Bereich der Kunst angeboten werden, sie dienen der Entwicklung von sozial engagierten Projekten (Social Art Practise) und sie unterscheiden sich auch von politischen Aktionen: Ein Freiraum mit offenem Ausgang.

Die ganze Welt in Zürich
Martin Krenn realisierte zahlreiche Arbeiten auch zusammen mit Oliver Ressler (*1970) - der Anfang September in Thun den ersten Prix Thun für Ethik und Kunst erhält. Zugesprochen wurde der mit CHF 25'000 hoch dotierte Preis einem Künstler, der sich in seinen meist sehr langfristig angelegten Werken seit Jahren schon mit Migration, Klimawandel oder Demokratisierungsprozessen befasst. Akribische Recherchen vor Ort, wie beispielsweise in Genf, wo Ressler sich auf Einladung der Initiative Utopiana aufhielt, um über die sozial und ökologisch verheerenden Folgen des globalen Rohstoffabbaus zu forschen, sind kennzeichnend für Resslers kompromisslose Filme. Mit ‹The Visible and the Invisible›, 2014, ist die schockierende Schilderung eines Phänomens entstanden, das in letzter Konsequenz auch Mitursache für die Migrationsbewegungen aus afrikanischen Ländern ist - mit dem undurchdringlichen Bild einer Schweiz im Zentrum, die zur zentralen Schaltstelle des weltweiten Kupferhandels geworden ist. In einer Ausstellung in der ‹Fabbrica del Cioccolato› in Torre im Bleniotal zeigt Ressler diese und weitere aktuelle Arbeiten zum Thema Migration noch bis Ende September in der Schweiz.
‹The End of Normal› nennen Medien wie die New York Times gerne den Zustand einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt. Ein Zustand, der - ernst genommen - zu konkreten Interventionen Anlass geben müsste, um den Planeten Erde zu retten - und zu radikalem Umdenken und politischem Handeln.
Patricia Grzonka, Kunsthistorikerin, Kunst- und Architekturkritikerin, lebt in Wien. www.patriciagrzonka.net


15. Architekturbiennale Venedig 2016, bis 27.11. www.labiennale.org
Lydia Zimmermann (Schweizer Filmemacherin), Performanceprojekt, Aufführung im Rahmen der Manifesta 11 lydialake.tumblr.com/naufrage
A World Not Ours, Schwarz Foundation, Samos, bis 15.10. www.schwarzfoundation.com/de/
Aktuelle Publikationen:
Work, Migration and Personal Geopolitics, Zürich (in Zusammenarbeit mit Manifesta 11),
On-Curating.org Issue 30, ZHdK
Claudia Banz (Hg.), Social Design, [transcript] Design, September 2016



Links

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Ausgabe 9  2016
Autor/in Patricia Grzonka
Link http://www.ortefuermenschen.at
Link http://www.transparadiso.com
Link http://www.makingheimat.de
Link http://www.eoos.com/cms/?id=353
Link http://www.shedhalle.ch
Link http://www.martinkrenn.net
Link http://www.somethingfantastic.net
Link http://www.ressler.at
Link http://www.utopiana.ch
Link http://www.lafabbricadelcioccolato.ch
Link http://www.on-curationg.org
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