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Fokus
9.2016


 Die Malereien von Dave Bopp schiessen in allen Richtungen über die Grenzen der Wahrnehmung hinaus. Bisweilen fragt man sich, ob sie der Gesetzgeber unter den «psychotropen Stoffen» übersehen haben könnte. Bewusstseinserweiternd sind diese Arbeiten in jedem Fall. Und man kommt kaum von ihnen los. Ob man den jungen Schweizer Maler dafür zur Verantwortung ziehen kann? Juristisch keineswegs, aber künstlerisch in jedem Fall.


Dave Bopp - Psychotrope Malerei


von: Ralf Christofori

  
links: Boabano, 2016, Acrylharzlack auf Aluminiumverbundplatte, 60x50 cm, Courtesy Galerie Michael Sturm, Stuttgart
rechts: Gemea, 2016 (Ausschnitt), Acrylharzlack auf Aluminiumverbundplatte, 240x600 cm, Courtesy Galerie Michael Sturm, Stuttgart


Man weiss nicht so recht, wo man beginnen soll bei diesen Malereien, die selbst weder Anfang noch Ende kennen - höchstens eine physische Begrenzung, die durch das Format des Bildträgers gegeben ist. Dave Bopp malt mit Acrylharzlack auf Aluminiumverbundplatten. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn es denn nur Malerei wäre. Denn tatsächlich ist es weit mehr als das. Darüber wird noch zu sprechen sein.
Eines seiner jüngsten Werke, die in den vergangenen Monaten entstanden sind, ist ein quadratisches Grossformat. Es hört auf den klingenden Namen ‹Lillika›. Der Farbklang ist von pastelligen Tönen durchzogen, aus den wenigen weissen Zonen spriessen Farben wie Blüten. Florale Formen scheinen schmale Schatten zu werfen, was einer Orientierung Vorschub leistet, die doch trügerisch bleibt. Im Werk nebenan macht sich die Malerei urplötzlich ganz klein: Nur 60x50 cm misst das Bild ‹Boabano› mit seinen eher fliessenden Formen und Farben. Das ist Bopp wichtig. Denn seine Malerei muss im Kleinen genauso funktionieren wie im Grossen - ganz gleich, ob es sich um ein Detail oder ein komplettes Bild handelt.
Dann wird es gewaltig: Mit 240x600 cm nimmt die Arbeit ‹Gemea› im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle eine ganze Wand ein. Durch und durch abstrakt, abermals ohne Anfang und Ende bietet das monumentale Bild dem Auge kaum Halt. Der Blick driftet durch zerklüftete Formen, zwischen scharfen Schnitten, Kanten und Farbkontrasten zeichnet sich ein Tiefenraum ab, der nur am oberen Bildrand den Blick auf einen blauen Himmel freizugeben scheint. Als habe hier jemand versucht, ein modernes Schlachtengemälde in Zeiten von Cyberangriffen und virtuellen Kriegen dauerhaft einzufrieren. Der Eindruck verdichtet sich und löst sich doch wieder auf, je näher man an das Bild herantritt. Denn hier treten keine Armeen gegeneinander an, sondern die Malerei gegen sich selbst und den Rest der Welt.

Physische Präsenz und körperliches Flimmern
Meine Güte. Man muss sich wirklich davor hüten, dass angesichts dieser Bilder der pathetisch-psychedelische Gaul mit einem nicht vollends durchgeht. Dabei ist es durchaus hilfreich, sich darauf zu besinnen, wo diese abstrakten, aber äusserst suggestiven Bildwerke herkommen und wie sie entstehen. Folgt man der Bildsprache, dann gelangt man auf direktem Wege zum Abstrakten Expressionismus. Als Vorbilder aber nennt Bopp weder Jackson Pollock noch Mark Tobey, sondern Philip Taaffe, über den der amerikanische Kunstkritiker John Yau schreibt: «He is interested in achieving a corporeal opticality, a flickering that is bodily in each painting. It is uncanny and, frankly, magnetic.» Das ist das Mindeste, was man auch von Bopps Arbeiten behaupten kann. Anders als Taaffe aber, bei dem Muster und Motive erkennbar bleiben, entwickelt er seine All-over-Strukturen ausschliesslich aus der Malerei heraus. Und anders als Pollock oder Tobey werden diese malerischen Gesten mit den Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung angereichert.
Dabei verarbeitet Dave Bopp nicht etwa bestehende digitale Bilder oder Motive, die er in den weltweit verfügbaren Datenbanken sucht und findet. Stattdessen generiert er digitale Vorlagen aus seiner eigenen Malerei heraus, um sie in materialisierter Form wieder seinen Werken einzuverleiben. Der Prozess beginnt ganz klassisch analog mit Malerei, die in Acrylharzfarbe auf einer Aluminiumverbundplatte entsteht. Diesen ersten Wurf fotografiert der Künstler. Daraus entstehen gewissermassen die Rohdaten für den weiteren Prozess, in dem Farben variiert, Kontrast und Sättigung hochgedreht, Details aufgeblasen oder neu in Form gebracht werden. Die Ergebnisse der Bildbearbeitung werden anschliessend auf Klebefolie geplottet, geschnitten und auf den Träger appliziert. So geht das Schritt für Schritt und Schicht um Schicht, wobei die hohe Kunst darin besteht, dass man den Entstehungsprozess rückwirkend kaum noch nachvollziehen kann.

Rausch - ohne Risiken und Nebenwirkungen
Auf diese Weise bringt Dave Bopp in seinen Bildwelten zusammen, was vordergründig nicht zusammengehört: Analoge Malerei, die aus der Ferne wie aus einem Guss erscheint, in feinen Details aber digitale Unschärfen, Raster, Transparenzen und Verläufe aufweist, die mit malerischen Mitteln gar nicht möglich wären. Die Übergänge sind mal scharfkantig, mal fliessend. Zwischen Schein und Sein der Malerei klar zu unterscheiden, fällt entsprechend schwer. Daher erscheint es durchaus naheliegend, dass Bopp gleich zwei Bildern, die 2015 entstanden, den Titel ‹Simulacrum› gibt. Wer aber hier was simuliert, bleibt auch in diesen beiden Arbeiten unklar. Denn zu jeder Simulation gehört eine Realität, die simuliert wird. Ist also die Malerei selbst die Realität? Oder ist sie in diesem Fall - frei nach Jean Baudrillard - ihr «eigenes Simulakrum»?
Überzeugend an solchen Gedankenspielen ist vor allem der Umstand, dass Bopp sie nicht offensiv zur Schau stellt, sondern ganz selbstverständlich in seiner künstlerischen Arbeit austrägt. Und zwar mit einer erstaunlichen Bandbreite: In dem angesprochenen Kleinformat ‹Boabano› scheint sich Morris Louis in einem der dichten Wälder von Max Ernst verirrt zu haben. Mal erinnern Bopps Bilder im Duktus an die zerklüfteten Landschaften eines Jean Dubuffet, wie etwa in der Arbeit ‹Pins and Needles›, 2015. Dann wieder lässt er in ‹Candyflip›, 2015, minutiös Farben explodieren - und man weiss nicht so recht, ob man vor diesem Rausch staunend erstarren oder doch besser fliehen sollte. Diese Wirkung erzielt Bopp allein mit künstlerischen Mitteln - ohne Risiken und Nebenwirkungen. Und dafür muss man den jungen Schweizer Maler in jedem Fall zur Verantwortung ziehen.
Ralf Christofori lebt als freier Journalist und Kunstkritiker in Saarbrücken. r.christofori@freenet.de

Bis: 18.09.2016


Dave Bopp (*1988 in Basel) lebt in Stuttgart

Seit 2010 Studium der Bildenden Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Reto Boller
2009-2010 Zürcher Hochschule der Künste, Vertiefung mediale Künste, u.a. bei Eran Schaerf und Rosa Barba

Ausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Allerbeste Aussichten›, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg; ‹Under Construction II›, Galerien der Stadt Esslingen Villa Merkel, Esslingen
2015 ‹Highly Aggregated›, Galerie Michael Sturm, Stuttgart; ‹Art Untitled›, Miami Beach, Florida, USA
2014 ‹To Heaven And Back›, Kunstverein Neuhausen, Neuhausen a.d.F., Deutschland; ‹Baby You Can Drive My Car›, Kunstverein Gästezimmer, Stuttgart
2011 ‹Fluten›, Galerie Michael Sturm, Stuttgart



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Allerbeste Aussichten [12.06.16-18.09.16]
Institutionen Kunstraum Alexander Bürkle [Freiburg/B/Deutschland]
Autor/in Ralf Christofori
Künstler/in Dave Bopp
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