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Fokus
9.2016


 Die Hoffnung stirbt zuletzt: Die Wrongbrothers, der Künstler Patrick Hari und der Autor Christoph Elias Meier, lassen diesen Sommer als Parallel Event der Manifesta 11 die Raumstation ISS Hope in der Zürcher Europa­allee landen. Zentrales Element ist die Galley, die Bordküche, in der Koch­assembleure des Bio-Restaurants Tusheng Shiguan aus dem chinesischen Kunming agieren. Ein Gespräch über Landemanöver, Andockversuche und die Frage, ob die Manifesta 11 eher Mutterschiff ist - oder doch Death Star.


Wrongbrothers - Eine Raumstation namens Hoffnung


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Raumstation ISS Hope, Map, 2016
rechts: Raumstation ISS Hope unter dem hängenden Dach, Europaallee Zürich, 2016, Installationsansicht


Morgenthaler: Mal abgesehen von einigen Gewittern, die das Plastikdach strapaziert haben: War die Landung der ISS Hope weich oder hart?

Wrongbrothers: Sie war beides. Hart, weil das Bio-Restaurant im chinesischen Kunming, aus dem die Kochperformer/innen der Galley der ISS Hope stammen, ein schwieriges erstes Halbjahr 2016 erlebte. Darum konnten weniger Leute als geplant nach Zürich kommen und wir mussten mehr eigene Arbeit in das Projekt stecken. Das heisst auch, dass wir Elemente wie die «Speaker's Corner» hinten anstellen mussten: Diese ist nicht als Schreiveranstaltung angedacht. Vielmehr sollen die Beiträge, die wahrscheinlich in einer Kabine gesprochen werden, aufgenommen und über eine digitale Plattform verbreitet werden. Sie werden archiviert, aber nicht sortiert.

Morgenthaler: Und was war weich an der Landung? Die Europaallee, die ihr als Standort ausgesucht habt, gilt als hartes Gentrifizierungspflaster...

Wrongbrothers: Wir setzen auf Inklusion statt Exklusion. Nach der Landnahme auf dem Gustav-Gull-Platz wollten wir erreichen, dass man sich in der ISS Hope fühlt, als fände man Zugang zu einer Familie, die um eine zeitgenössische Feuerstelle sitzt. Das geht auch an diesem Quartier nicht spurlos vorbei. Zudem spricht sich in der näheren und weiteren Umgebung herum, was wir bieten können, der Kreis wächst. Und auch der Name der Raumstation hat sich als türöffnend erwiesen.

Morgenthaler: Angesichts der Weltlage könnte man ja die «Hope» auch verlieren...

Wrongbrothers: Hoffnung hat etwas Integrierendes, etwas Verbindendes - aber auch etwas Gelassenes.

Morgenthaler: Inwiefern profitiert ihr mit dem Projekt vom Mutterschiff Manifesta? Es wird, gerade unter den Betreiberinnen und Betreibern von Parallel Events, diskutiert, inwiefern es Sinn macht, an ein solches Kunstgrossereignis, das viel Aufmerksamkeit bindet, zusätzlich noch mit lokalen Projekten anzudocken.

Mutterschiff Manifesta
Wrongbrothers: Die signaletische Anbindung an die Manifesta könnte auf jeden Fall besser sein. Aber wir hätten das Projekt nicht lanciert, wenn sich uns nicht durch die Ausschreibung für die Parallel Events die Gelegenheit geboten hätte, es zu konkretisieren und - nach der Zusage der Manifesta-Jury und unterstützt durch eine Crowdfunding-Kampagne - auch zu realisieren.

Morgenthaler: Es ist erklärtes Ziel der Manifesta, nicht als UFO in einer Stadt zu landen, sondern - etwa mit Vermittlungsbemühungen oder in Zürich auch mit einem sehr offenen und nahbaren Thema, der Arbeit - in die Stadtstruktur überzugehen. Dann ist die Biennale für euch tatsächlich mehr Mutterschiff als Death Star?

Wrongbrothers: Wir sind nicht anti-Manifesta. Wir waren schon lange mit der Idee der ISS Hope schwanger gegangen, brauchten die Biennale aber als Geburtshelferin. Eigentlich treiben wir das kuratorische Prinzip Christian Jankowskis, die Zusammenarbeit zwischen Künstler/innen und ihren Hosts, zwischen Trivialkultur und Hochkultur quasi, noch ein wenig weiter: indem wir als Hosts der chinesischen Partner/innen fungieren und uns einer Berufsrealität stellen.

Morgenthaler: Ihr verkauft ja auf der ISS Hope auch Merchandise mit dem Logo der Raumstation. Ihr macht also auch etwas für «euer Money», wie es der Haupttitel der Manifesta - «What People Do for Money» - anspricht...

Wrongbrothers:Wir haben diesbezüglich keine grossen Ambitionen und arbeiten wenig resultatorientiert. Wir möchten unser Projekt auch nicht als weiteres Zürcher Pop-up-Restaurant verstanden wissen. Es ist eher eine anthropographische Versuchsanlage. Wir wollen kein Ziel erreichen, sondern öffnen den Raum und schauen, was sich darin finden lässt. Wir möchten uns so verhalten, wie ein Kind, das einfach auf einer Wiese herumläuft und sich eine Beschäftigung sucht.

Morgenthaler: Würdet ihr die ISS Hope entsprechend als einen Ort künstlerischer Forschung beschreiben? Oder in welcher Tradition seht ihr euch? Gemeinsam essen als künstlerische Strategie hat auch schon eine gewisse Geschichte, zum Beispiel mit Rirkrit Tiravanija.

Wrongbrothers: Wir verstehen die Hope als Forschungsstation. Wir halten uns aber auch immer wieder das grundlegendste Forschungsdilemma vor Augen: Wenn man nach einem Hecht fischt, fängt man einen Hecht. Wir wollen weniger finden als vielmehr suchen. Ohne grosse Ambitionen. Und vielleicht ist die Hope weniger ein Projekt der bildenden Kunst als vielmehr ein Laientheater. Wir spielen auf dieser Bühne Theater mit Dingen aus dem Alltag, mit Dingen aus einem anderen Kontext. Wir tun alle so, als ob. Unsere Partner/innen aus Kunming sehen wir auch nicht als Köchinnen oder Köche, sondern als Kochperformer/innen. Oder als Assembleure. Sie lassen aus verschiedenen Elementen etwas Neues entstehen. Und jeder Assembleur macht aus denselben Zutaten etwas anderes.

Morgenthaler: Trotz aller Ziellosigkeit - ist die ISS Hope doch auf Kurs?

Wrongbrothers: Wir denken schon. Es gibt aber auch noch viel zu tun. So möchten wir es unseren chinesischen Kooperateurinnen ermöglichen, sich hier in der Schweiz zu vernetzen. Gerade was gewisse Food- und Ökotrends betrifft, nimmt die Schweiz eine Art Vorreiterrolle ein. Unsere Partner/innen interessiert etwa, wie hiesige Initiativen, welche die Wege zwischen Produzent und Konsument verkürzen, funktionieren. Wir haben schon Bauern besucht, die so arbeiten, und möchten das in den nächsten Wochen weiter tun. Die Betreiber/innen des Bio-Restaurants in Kunming prüfen dann, inwiefern sich solche Prinzipien auch auf den chinesischen Kontext anwenden lassen. Und wer weiss, vielleicht lässt sich über diese Verbindung auch ein weiterer Kommunikationskanal zwischen den Partnerstädten Kunming und Zürich etablieren.

Open-Source-Philosophie
Morgenthaler: Reist die Raumstation auch nach Kunming?

Wrongbrothers: Vielleicht. Die Zürcher Episode ist ein Anfang. Danach soll die ISS Hope weiterziehen, vielleicht wird sie in einem Flüchtlingslager eingesetzt oder wo immer sie gebraucht wird. Das ist aber weniger ein Franchise-Konzept, sondern folgt eher einer Open-Source-Philosophie. Wir lassen die Hope los.

Morgenthaler: Christoph, welche Erfahrungen bringst du als Schreibender und Mitbegründer der Zürcher Foodcoop TOR14 ins Projekt ein?

Meier: Das TOR14 war im übertragenen Sinn auch schon ein ziemliches Schiff - und es gefällt mir irgendwie, dass die Hope jetzt noch buchstäblicher eins ist. Und trotzdem ist sie etwas ganz anderes, sie entwickelt, wie ein Kind, langsam ihre eigene Sprache, eigene Metaphern, bringt Leute mit ähnlichen Ideen zusammen, generiert Partizipation. Im Gegensatz zum TOR14 haben wir hier aber noch zusätzliche, produktive Schwierigkeiten eingebaut, zum Beispiel mit den Kulturdifferenzen.

Morgenthaler: Und du, Patrick, kannst du danach einfach wieder Kunst machen?

Hari: Ich habe mir ehrlich gesagt auch schon überlegt, ob ich danach einfach wieder ins Atelier gehen und an meinen eigenen Projekten weiterarbeiten kann. Die Hope ist der Abschluss eines Kapitels, das vielleicht in Kunming, während meines Aufenthalts im Atelier der Stadt Zürich, seinen Anfang genommen hat. Das noch junge Bio-Restaurant unserer beteiligten Freunde war gleich neben dem Atelier. Und weil ich dort vor allem Werke realisiert habe, die an Lüftungssysteme erinnern, haben mich die Restaurantbetreiber/innen um Rat und Hilfe beim Einbauen der Lüftung im Lokal gefragt. Ich konnte ihnen natürlich nur zum Teil helfen...

Morgenthaler: Ist die Hope vielleicht die Utopie, die deine oft dystopisch anmutenden Arbeiten im Ausstellungsraum dialektisch ergänzt?

Hari: Mich interessiert es momentan jedenfalls wenig, mich einfach auf die Definitionsmacht des Ausstellungsraums zu verlassen. Ich bin überzeugt, dass immer etwas überwunden werden muss - darin siehst du vielleicht das Dystopische an meiner Arbeit - damit neue Formen entstehen können. Wir finden keine neuen Formen, wenn wir nicht offen sind dafür.

Meier: Das ist wieder das Hechtproblem.
Daniel Morgenthaler, Zürich, Kunstkritiker und Kurator am Helmhaus Zürich. dani_moergi@hotmail.com
ISS Hope/Galley & Host-Lab, Europaallee, Zürich, Manifesta 11 Parallel Event, bis 18.9.


Bis: 18.09.2016


Patrick Hari (*1977) lebt in Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl):
2016 ‹+Residual Simulation, +Simulated Experience›, Preis der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung, F+F-Schule, Zürich
2014 ‹Jantar Mantar, Several - Ring - Circus›, Galerie BolteLang, Zürich
2008 ‹Eisbein›, A.C. Kupper Modern, Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl):
2015 ‹Swiss Art Awards›, Basel
2011 ‹Magical Poetical Structures›, Kurator, Rapperswil
2009 ‹Doppelter Boden›, Substitut, Berlin

Christoph Elias Meier (*1973) lebt in Zürich
Mitbegründer der Foodcoop «TOR14» und Betreiber von www.schreib-service.ch



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Wrongbrothers [11.06.16-18.09.16]
Institutionen I.S.S. Hope/Galley & Host Lab [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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