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Ansichten
9.2016


 Fotografieren ist ein Akt des Gefühls. «Your feeling is always a reflection of the photo you produce.» So bringt Daido Moriyama, der japanische Fotograf, bekannt für seine unverwechselbaren Bilder in harten Schwarz-Weiss-Tönen, seine Tätigkeit für ein junges Kamerateam auf den Punkt.


Ansichten - Das Meer wiegt mein Herz


  
Risaku Suzuki · Between the Sea and the Mountain - Kumano/13, DK-198, 2013, Courtesy Christophe Guye Galerie


Moriyamas Bilder waren Thema eines Meisterkurses beim schwedischen Fotografen Anders Petersen in Stockholm. Petersen, mit Jahrgang 1944 ein paar Jahre jünger als Moriyama, erklärte uns, was wir als Fotograf/innen zu tun haben. Erstens: Die Sehnsucht gehört ins Bild, sie ist der Schlüssel zu den eigenen Gefühlen sowie zu den Menschen und Dingen, die wir fotografieren. Zweitens: Wenn das Fotografieren nicht mehr «Fun» sei, sei dies Grund, wütend auf die Situation zu sein: «Be an egoist!»
So war es auch, als ich vor Jahren einige Tage in Paris verbrachte. Etwas zu egoistisch habe ich mich wohl verhalten, so dass es zum Beziehungskrach kam und ich allein in ein kleines Studiokino ging und mir zum dritten Mal den japanischen Spielfilm ‹Hana-Bi› ansah: Eine exotisch schrille Lovestory zwischen einer Frau und einem Polizisten, mit wiederkehrenden Bildschnitten vom grossen, fremden, blauen Meer.
Ich habe schon immer gern ins Blaue hinaus gestarrt, in den Himmel, das Meer, einen See, gedankenlos. Und doch füllt sich dabei der Kopf mit Erinnerungen und Assoziationen, die ich nicht für möglich halten würde. Was hat dieser Yakuza-Film mit meiner Kindheit zu tun, die plötzlich vor mir auftaucht, ich am Meer, allein, irgendwo?
«I could not see the reality, while my real life did not have a reality», sagte Mori­yama einmal im Interview. Er bezieht sich dabei auf seinen Absturz in die Drogen, mit der Fotografie war er am Ende, ‹Bye Bye Photography!› hat er sein letztes Buch genannt - bevor er sich doch wieder auffing und mit dem Fotografieren weitermachte.
Die Fotografien von Moriyama - meist Bilder der Nacht und Dunkelheit - sind schön und klar, trotz der Unschärfe durch die langen Verschlusszeiten und das grobe Filmkorn. Dennoch ist es das Bild eines anderen japanischen Fotografen, Risaku Suzuki, welches mir nun die Träume vom weiten, offenen Meer zeigt. Welches mein Herz wiegt. In diesem Bild verliere ich mich, weiss nicht mehr, wo ich bin, höre nichts mehr, um genau in diesem Moment zu sein, in dem bloss das Meer rauscht und das Wasser in der Sonne glänzt. Moriyama weiss, wie es funktioniert: «Fotografie ist die Jagd nach dem Gefühl des Hier und Jetzt - es macht keinen Sinn, verpasste Dinge zu bedauern. Hier und Jetzt abzudrücken heisst, das Gefühl einfangen und bewahren.»
Ich bin mit Tränen aus dem Filmstudio gekommen - die Geschichte zwischen Mann und Frau endet tödlich - und habe den Liebsten in einer Bistrobar getroffen. Man hat sich wieder versöhnt. Zur Musik von Charles Trenet: «La mer a bercé mon coeur pour la vie.»
Johanna Encrantz lebt in Zürich, ist Fotografin und schreibt über Kunst. info@johannaencrantz.ch



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Ausgabe 9  2016
Autor/in Johanna Encrantz
Künstler/in Risaku Suzuki
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