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Besprechung
9.2016


Alice Henkes :  In einer zweiteiligen Installation bringt Julia Steiner gleichsam die entfesselten Kräfte der Natur in die stille Ruhe der barocken Abteikirche in Bellelay. Besonders eindrucksvoll ist eine Bodenarbeit aus Ton, in der die Berner Künstlerin die Formensprache ihrer Zeichnungen plastisch umsetzt.


Bellelay : Julia Steiner - Abbatiale Bellelay


  
Julia Steiner · here and where, 2016, zweiteilige Installation, Detailansicht. Foto: Serge Hasenböhler


Stürmische Wasser, aufbrechende Erdschollen, bewegte Wolkenmassen: Die grossformatigen Pinselzeichnungen aus schwarzer Gouache, mit denen Julia Steiner (*1982) international bekannt geworden ist, setzen viele Assoziationen an Naturkräfte frei. In der Abteikirche von Bellelay schuf die Berner Künstlerin eine zweiteilige Arbeit, die in einen spannungsvollen Dialog mit dem weissen Kirchenraum tritt. Im Hauptschiff breitet sich auf einem 5x12 Meter grossen, 45 Zentimeter hohen ­Sockel eine Bodenarbeit aus, die mit ihren schroffen Formen und karstigen Kanten an eine wüst bewegte Landschaft denken lässt. Zehn Tonnen Ton hat die Künstlerin mit Händen und Füssen und zahlreichen Werkzeugen in diese wie wild bewegte Form gebracht und nach dem Aushärten schwarz glänzend lackiert. Die Lackierung nimmt dem Ton das Erdige, erzeugt einen fast metallischen, artifiziellen Ton und verleiht der Arbeit zugleich den Glanz des Liquiden, des Fliessenden, des Bewegten. Im ­Altarraum antwortet eine acht Meter hohe Gouache-Zeichnung auf diese Bodenarbeit. Der Bildträger, eine fünf Meter breite, frei stehende Wand, ist konkav und nimmt so die Form des Kuppelgewölbes auf. Die Zeichnung, die abstrahierte architektonische Elemente in fliegender Auflösung zeigt, wirkt wie eine Rampe, die den Blick nach oben zieht und eine enorme Leichtigkeit erzeugt. Wie die Bodenarbeit dem Element der Erde zugeordnet scheint, so erzeugt die Zeichnung einen Eindruck von Luftspiel, Wolkentanz, Himmelsgewalt.
Jeden Sommer wird eine Künstlerin, ein Künstler eingeladen, den Raum der ehemaligen Abteikirche von Bellelay mit einer ortsbezogenen Arbeit zu bespielen. Julia Steiner gelingt es, mit ihrer zweiteiligen Installation ‹here and where› in einer eigenen Bildsprache auf die üppigen, von Naturerscheinungen inspirierten Stuckaturen im hellen Kirchenraum zu reagieren. Auf das barocke Formenspiel mit seiner Vorliebe für gekrümmte, gebogene, gewundene Elemente antworten ihre Arbeiten mit ­einer schroffen Kantigkeit und jähen Zerrissenheit, die an das Wirken unbezähmbarer Kräfte denken lässt, an Auflösung bestehender Strukturen ebenso wie an die Entstehung neuer Gebilde und Ordnungen. Durch die geometrischen Abmessungen sowohl des Bildträgers der Zeichnung wie auch des Sockels der Bodenarbeit erhalten die beiden Arbeiten eine Rahmung, die sie bei aller Entfesseltheit klar als Kunstwerke, als Naturgewalten aus Menschenhand erkennbar macht.

Bis: 11.09.2016



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Abteikirche: Julia Steiner [04.06.16-11.09.16]
Institutionen Fondation de l'Abbatiale [Bellelay/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Julia Steiner
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