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Besprechung
9.2016


Gisela Kuoni :  Alle Sinne werden angesprochen und das einen ganzen Sommer lang, wenn das Projekt ‹Am Ort› in Chur den öffentlichen Raum verwandelt. Nach ‹Säen, ernten, glücklich sein›, 2012, und ­‹Ortung›, 2014, erobert die Kunst diesmal mehr als nur feste Stationen.


Chur : Am Ort - Von der Tuffsteingrotte zum Bärenloch und mehr


  
links: Evelina Cajacob · Schlaufe 9, Chur, 2016, Strassenmarkierungsfarbe, ca. 320 cm. Foto: Ralph Feiner
rechts: frölicher|bietenhader · Aussichten aus einem Loch Weitblick, Chur, 2016, Inkjet-Print auf Wand. Foto: Ralph Feiner


Am Bahnhof bereits beginnt das ungewöhnliche Spiel, wenn zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Linien des öffentlichen Stadtbusses ein Reisender, Michael Günzburger, plötzlich einen Stift zückt und das draussen an ihm Vorbeiziehende mit wackligen Strichen auf die Busscheiben skizziert. Der Künstler fixiert so das Flüchtige und zeigt gleichzeitig die Vergänglichkeit alles Zeitlichen auf. Laute und leise Töne sind in der Stadt zu hören, wenn der Kontrabassist Luc Sisera mit seiner Band Convoy die ‹Mühlbachsuite› erklingen lässt, eine musikalische Performance und Improvisation in acht Akten, die immer dem einstigen Verlauf des heute meist verdeckten Mühlbachs folgt. Kappeler/Zumthor werden das Glockenspiel am Postplatz sowie das Geläute der Martinskirche mit neuen Tönen aufmischen. In der barocken Tuffsteingrotte im Fontanapark ertönen in regelmässigen Intervallen computergesteuerte neue Klänge von Norbert Möslang, und der von Roman Signer mit einem mächtigen Holzzylinder umschlossene Springbrunnen wird mehr zum Hörerlebnis als zu einem sichtbaren Schauspiel. Der Faktor Zeit spielt mit, wenn sich im Lauf des Sommers die Holzhülle verändert. Schon jetzt sind Spuren der Verwitterung zu sehen und aus dem Brunnen-Innern ertönen geheimnisvolle Geräusche. Das Künstlerpaar huber.huber hat nicht nur im Park, sondern in der ganzen Stadt vierzig Vogelhäuschen verteilt, die es zu entdecken gilt: Gefertigt sind diese provisorischen Schlaf- oder Fluchtorte aus in Chur gefundenem Abfall, die Häuschen sind spielerisch und hübsch anzusehen, zugleich wird mit ihnen - wie schon in Zürich, New York, Glarus, Rapperswil - verhalten auf aktuelle Weltprobleme hingewiesen. Eine Endlosschleife, von Evelina Cajacob in einer bis anhin eher unbedeutenden Passage mit weisser Strassensignalfarbe auf den Boden hingeworfen, weckt Neugier, lädt zum Innehalten ein, zum Bedenken von Zeit - wenn nicht gar von Ewigkeit. Und frölicher|bietenhader zaubern im mittelalterlichen «Bärenloch» mit Hilfe von Google-Earth-Spiegelungen optische Täuschungen und Verzerrungen an die verwinkelten Wände, bis Realität und Täuschung sich verwischen.
Das Projekt ‹Am Ort› regt spartenübergreifend zur Entdeckung künstlerischer Eingriffe an. Es stellt Fragen nach Sinn und Wirkung solcher Aktivitäten, fordert Auseinandersetzung und unterscheidet sich damit wohltuend von permanenter Berieselung mit sogenannter Unterhaltung.

Bis: 30.10.2016


an verschiedenen Orten, mit reichhaltigem Rahmenprogramm, bis 30.10.



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Ausgabe 9  2016
Autor/in Gisela Kuoni
Link http://www.am-ort.ch
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