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Besprechung
9.2016


Feli Schindler :  Das Bündner Kunstmuseum besitzt seit diesem Sommer nicht nur einen grossartigen Erweiterungsbau. Neue Räume bilden auch den Themenschwerpunkt in den Wechselausstellungen ‹Solo Walks› und ‹Tintarella di luna› von Zilla Leutenegger. Der fulminante Auftakt in Graubünden ist vollumfänglich gelungen.


Chur : Bündner Kunstmuseum - Räume neu begehen und ausleuchten


  
links: Hamish Fulton · Mountain Skylines, 2016, Wandbild im Erweiterungsbau des Bündner Kunstmuseums, Dispersion, Courtesy Galerie Tschudi Zuoz. Foto: Ralph Feiner
rechts: Zilla Leutenegger · Mezzanotte 2016 (Aus der Serie Tintarella di luna), Monotypie auf Büttenpapier. Courtesy Galerie Peter Kilchmann Zürich.


Hans Josephsohns Liegende mit feinem Lächeln auf dem schrundigen Antlitz scheint sich über den neuen Standort zu freuen. Viel Aussenraum haben die jungen Architekten Fabrizio Barozzi / Alberto Veiga dem Erweiterungsbau des Bündner Kunstmuseums zugebilligt und drei Viertel des Gebäudes unter den Boden versetzt. Der markante Monolith, der mit einer kassettierten Fassade die orientalischen Elemente der benachbarten Villa Planta aufnimmt, lädt durch ein monumentales Portal in ein grosszügiges Foyer mit wandhohen Fenstern. Und wer dann im Treppenhaus unter dem mit Licht, Form und Perspektive spielenden Mobile aus Aluminiumblech von Markus Raetz in die Tiefe steigt, findet sich in den unterirdischen Ausstellungsräumen überraschend in tagheller Umgebung wieder. Die Deckenbeleuchtung und die Weite des Raums im zweiten Untergeschoss vermitteln ein Gefühl, als befände man sich in luftiger Höhe. Los geht's auf die Wanderschaft.
Alberto Giacomettis ‹L'homme qui marche› schreitet den ‹Mountain Skylines› Hamish Fultons entgegen, die sich wie Bergzacken oder Daten einer Pulsuhr ausnehmen. Die Kurven haben freilich wenig mit Leistung, doch viel mit Befindlichkeit zu tun. Ob es, wie die Linien vermuten lassen, bei der einen Tour rund und bei der anderen spitz gelaufen ist? Jedenfalls fordert die Zeichnung körperliche Hingabe ab. Allein um die Legenden unter dem Wandbild zu lesen, schreitet man achtzehn Laufmeter ab. «Wir wollten das Abschreiten der neuen Räume thematisieren und die Besucher gleich selber auf den Weg schicken», sagt Museumsdirektor Stephan Kunz, der mit den beiden Co-Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel diese klug konzipierte und sinnliche «Galerie des Gehens» gestemmt hat. Chur als Ankunfts- und Ausgangsort von Künstlerinnen und Künstlern, Durchreisenden und Wanderern passt in diesem Sinne hervorragend. So geht es in ‹Solo Walks› um die Erfahrung des Individuums, das sich sowohl physisch als auch mental fortbewegt - über Treppen wie bei Elaine Sturtevant à la Duchamp, im Kreis und ohne sich zu begegnen wie bei Samuel Beckett, mit Prothese wie bei Louise Bourgeois oder mit Spazierstock wie bei André Cadere. Keck, wer wie Letzterer seinen Stab in berühmte Museen schmuggelt und behaupten kann: Ich habe hier ausgestellt.
Das Gehen zieht sich ebenso von den Skizzen des durch Paris streunenden Giacometti über die Mikrogramme von Robert Walser bis hin zur verrückten Trennungsgeschichte von Marina Abramović und Ulay nach dem legendären langen Marsch über die Chinesische Mauer. Dass das Schreiten über einen gefrorenen Teich nicht nur eine schöne Metapher abgibt, sondern in Lebensgefahr münden kann, zeigt Roman Signer. Dieser ist beim Versuch, eine Eisfläche zu überqueren, fast ertrunken, was auf den Bildern indes nicht zu sehen ist. Kein Wunder, denn angeblich hatte der Fotograf die Kamera hingeschmissen, um dem unerschrockenen Künstler zu Hilfe zu eilen.
Paradoxen Witz generiert Francis Alÿs, wenn er einen Eisblock durch die Strassen von Mexico City schiebt, bis nichts mehr davon übrig bleibt. «Sometimes making some­thing leads to nothing», heisst es im Abspann zum Video. Viel führt manchmal zu nichts. Tatsächlich? Der Film bietet jedenfalls Denkstoff, und das ist beileibe etwas.
Vom Wandern ist es nicht mehr weit zum Nachtwandeln. Zilla Leutenegger, die Bündner Künstlerin aus Zürich, hat mit ihren Wandzeichnungen und integrierten Computeranimationen schon zahlreiche Herzen erobert. In Chur überrascht sie mit einer neuen Arbeit. Die während der Bauphase über mehrere Monate spezifisch für das sogenannte «Labor» entwickelte Rauminstallation ‹Tintarella di luna› reagiert auf den einzigen fensterbestückten Ausstellungsraum im Neubau. Wer den Saal betritt, vermeint das Sonnenlicht und den Schattenwurf der gerasterten Fenster über die Wände gleiten zu sehen. Doch hier wird doppelt gemoppelt. Der wandernde Schattenwurf basiert auf einer Raumfotografie, die als computergenerierte Animation den Lichteinfall auf die Wände projiziert. Die Schatten der Besucherinnen und Besucher werden gleichzeitig Teil der Szenerie, bis sich Licht und Raster wieder verflüchtigen.
Licht und nachtblaue Schatten setzen sich auch in den Monotypien von Zilla Leutenegger fort, die der Installation den Rahmen geben und eine wunderbar melancholische Aura verbreiten: Ein Vorhang tanzt vor einem erleuchteten Fenster, ein Sessel steht im Lichtkegel einer Balkontüre, eine helle Kühlschranktür lockt aus der Finsternis, der Lichtkegel eines Fensters legt einen zartrosa Teppich in das Kinderzimmer. «Wenn ich in der Nacht durch die Wohnung streife, erfüllt mich das mit tiefer Ruhe in der sonst so hellen und lauten Welt. Es interessiert mich, wie das Licht in die Nacht einfällt, wie ein Möbelstück, das ich sehr gut kenne, in diesem Moment ausschaut», erzählt die Künstlerin. Dass der feinfühligen Zeichnerin in ‹Tintarella di luna› die Heiterkeit trotz nachtschwarzem Blau nicht abhanden gekommen ist, steht
ausser Frage. Wer den gleichnamigen Sommerhit der italienischen Sängerin Mina aus den Sechzigerjahren in Erinnerung hat, weiss: Mondschein macht blass, schön und unbeschwert. Tin, tin, tin. Feli Schindler

Bis: 06.11.2016



Links

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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Solo Walks. Eine Galerie des Gehens [25.06.16-06.11.16]
Ausstellungen Zilla Leutenegger [02.09.16-22.10.16]
Institutionen Bündner Kunstmuseum [Chur/Schweiz]
Institutionen Galerie Stampa [Basel/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
Künstler/in Zilla Leutenegger
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