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Besprechung
9.2016


Niklaus Oberholzer :  Patrizia Keller, seit kurzem Kuratorin am Nidwaldner Museum, lud Christian Philipp Müller zu ihrer ersten Einzelausstellung in diesem Haus. Der Künstler schafft mit Objekten aus der Sammlung einen spannungsvollen, vielfach vernetzten und weit übers Museum hinausgreifenden Raum.


Stans : Christian Philipp Müller - aut vincere aut mori


  
Christian Philipp Müller · aut vincere aut mori, 2016, die Objekte stammen aus der Sammlung des ­Nidwaldner Museums. Foto: Nidwaldner Museum


Im schneeweissen Pavillon neben dem Winkelriedhaus fügt sich Kurioses zu seltsamer Symbiose: Wie eine Dampflok steht da eine riesige schwarze Schnapsbrennerei aus den Dreissigerjahren. Daran schliesst sich ein Leichenwagen aus dem späten 19. Jahrhundert an, in dem ein marmorner Morgenstern liegt. Es folgen ein weisses Objekt mit Flügeln (ein halber Pegasus?), ein Fasnachtsrelikt, und als Zugpferde des Ganzen fungieren zwei Dromedare - besser: ein Stapel Plakate, bedruckt mit dem Dromedar-Foto. An der Wand sehen wir eine rote Fahne von 1802, auf die der Nidwaldner Doppelschlüssel mit Lorbeerkranz sowie der Satz «Für Gott und Vaterland - Siegen oder Sterben» aufgemalt sind. Das Kriegsmotto stammt aus der römischen Antike und diente auch einer preussischen Artillerieeinheit im Siebenjährigen Krieg als Bannerspruch. Die lateinische Version «aut vincere aut mori» machte Christian Philipp Müller (*1957, Biel) zum Titel seiner Schau. Ein Zusammenführen von Dingen, die miteinander nichts zu tun haben. Wirklich? Wir sehen einen makabren Karnevalszug, in dem sich Burleskes und bitterer Todesernst die Hand reichen. Die Absurdität nimmt noch zu, wenn wir von der Performance hören, die der Künstler mit zwei Dromedaren veranstalten wollte, wenn sie sich nur vor den Leichenwagen hätten spannen lassen. Mehr als ein Ersatz, vielmehr eine Art Angelpunkt des Ganzen ist der in der Ausstellung abgespielte Film ‹Entr'acte› , 1924, ebenfalls mit Dromedar und absurdem Leichenzug, von René Clair.
Die Objekte stammen aus dem Historischen Museum Nidwalden im Winkelriedhaus, das ab 1553 Ritter Melchior Lussi gehörte. Dass die Schnapsbrennerei von der Getränkefirma Lussi betrieben wurde - ist das Zufall oder Notwendigkeit oder beides? In Müllers Welt gibt es wohl keine Zufälle, alles ist notwendig oder auch nicht: Hin und wieder liegt ein Aprilscherz durchaus im Bereich des Möglichen. Doch auch der marmorne Morgenstern hat seine Notwendigkeit: Er ist die genaue Nachbildung des Mordwerkzeugs, das in Ferdinand Schlöths Winkelried-Denkmal in Stans eine zentrale Rolle spielt. Müller skizziert mit solchen Objekten ein offenes Feld für Geschichten, welche die Besucher/innen nach ihrem Gusto weiterspinnen können und sollen. Doch Achtung: Alles kann stets ins Gegenteil kippen. Der in Berlin lebende Künstler überprüft in seinen Projekten weltweit ganz unterschiedliche kulturelle und gesellschaftliche Vorgänge auf ihren Kontext hin.

Bis: 16.10.2016



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Christian Philipp Müller [12.06.16-16.10.16]
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Institutionen Nidwaldner Museum [Stans/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
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