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Besprechung
9.2016


Brita Polzer :  In einer phantastischen Schau präsentiert das Museum Rietberg Gärten aus Orient und Okzident, vom alten Ägypten bis in unsere Tage. Im schönen Rieterpark gelegen, bietet sich das Haus für dieses Thema an - auch wenn man leider tief unter die Erde steigen muss, um die Werke anzuschauen.


Zürich : Gärten der Welt - von Schönheit, Sicherheit, Rückzug, Ausschluss


  
links: Der Garten Eden, aus: Athanasius Kirchner, Arca Noë, Amsterdam 1675
rechts: Nachfolge von Nainsukh von Guler · Krishna und Radha als Liebespaar in einer paradiesischen Landschaft, 1775/1780, Indien, Pahari-Region. Foto: Rainer Wolfsberger


In zehn Minuten müsse er jetzt durch tausend Jahre europäische Gartengeschichte führen, klagt Hans von Trotha anlässlich der Presseeröffnung, um dann im Eiltempo eine Fülle dichter Daten und Fakten zu vermitteln. Der in Berlin lebende Gartenspezialist hat zusammen mit dem Team des Museums Rietberg und diversen externen Fachpersonen die überwältigende Ausstellung aufgebaut, und ähnlich überfordert wie er fühlt sich die Besucherin, auch wenn ihr diverse Stunden zur Verfügung stehen. Gleich am Anfang wird eine Garten-Eden-Darstellung aus Athanasius Kirchners ‹Arca Noë› von 1675 präsentiert. Der von Gott geschaffene Garten ist hier ein von Mauern oder Hecken straff umspanntes Rechteck. Vor seinen vier Eingängen stehen bewehrte Engelsmänner, kampflustig bereit, die in der umgebenden Einöde sich tummelnden Elefanten, Schlangen und Löwentiere zurückzudrängen. Ungesehen passiert dabei das Schlimme und so Folgenreiche mittendrin. Im Hortus conclusus, im geschützten Zentrum des Gartens, hat soeben Eva Adam den Apfel gereicht. Was darf in einem Garten, der sich stets durch eine klare Grenze zur Umgebung definiert, passieren, was wird sehr sorglich ausgeschlossen? Eines der möglichen Themen, mit denen man die Ausstellung durchwandern kann.
Gärten und Parks spiegeln die Werte und Ideale der jeweiligen Kultur. Im Medium der Gartenkunst - heute spricht man von Gartenarchitektur - wird die Sehnsucht nach dem Paradies, nach Liebe und Schönheit, aber auch das Bedürfnis nach Macht und Ausschluss formuliert. Die Ausstellung führt an einem mattgelb leuchtenden Kiefernpollen-Rechteck von Wolfgang Laib vorbei, sie lockt ganz nah an die in blumenreicher Umgebung sich ergehenden Liebespaare der persischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts heran oder zeigt den chinesischen Garten des genügsamen Tao Yuanming (365-427), der den öden Beamtendienst quittierte, um sich bis zum Tod seines Chrysanthemen-Gartens zu erfreuen und bei mühsamer Landarbeit die geistige Freiheit zu wahren. Natürlich werden auch die barocken französischen und die naturhaften englischen Parks präsentiert und ganz am Ende noch Künstlergärten: von Spitzweg, Monet, Liebermann, Klee, Dietrich und Giacometti. Kein anderes Museum in der Schweiz ist mir bekannt, das derartig kompetent und sorglich thematische Ausstellungen aufbaut, inklusive kenntnisreicher Buchauslage und diverser Rahmenveranstaltungen. Mit zugehöriger Publikation.

Bis: 09.10.2016



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Gärten der Welt [13.05.16-09.10.16]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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