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Besprechung
9.2016


Claudia Jolles :  Francis Picabia gilt als einer der einflussreichsten Antikünstler des 20. Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer lebte er den Widerspruch des Kreierens im Bewusstsein der Sinnlosigkeit jeder kreativen Aktivität. Rückblickend erweisen sich seine Statements als Maler wichtiger als alles, was er gesagt und geschrieben hat


Zürich : Francis Picabia - Ein Bild in der Haut haben...


  
Francis Picabia · Printemps, um 1942-1943, Öl auf Leinwand, 115x90 cm ©ProLitteris, Courtesy Michael Werner Gallery, New York, London, und Märkisch Wilmersdorf


«Mon cher Picabia. Depuis vos premières oeuvres éléctroniques vous êtes le peintre le mieux inconnu de votre vivant. Quelle réussite!» So Man Ray über den viel diskutierten Antikünstler und «Individualanarchisten» Francis Picabia (1879-1953), der das Nichtstun als die «intellektuellste und vielleicht nobelste Energieform» bezeichnete. Zwar wurde er früh als Vorreiter der Abstraktion, Maler orphistischer Grossformate, Zeichner mechanistischer Porträts, Autor und Dadaist gefeiert. Doch als er nach 1922 das Lager der sich etablierenden Nonkonformisten verliess und in Collagen mit Streichhölzern, Fäden, Pailletten, Gebrauchsobjekten sowie mit gemalten volkstümlichen spanischen Sujets, Monstern und Transparenzen wieder an die sichtbare Realität anknüpfte, setzte die Zensur der Kunsthistoriker ein. Vor allem die Pin-ups und späten Punktebilder nahmen ihm die wenigsten als ernsthafte Kunst ab.
Picabias ausschweifender Lebensstil zwischen New York, der Côte d'Azur und Paris mit «127 Autos und sieben Jachten, und das ist nichts im Vergleich zu seinen Frauen» - so seine letzte Ehefrau Olga Mohler - gab zeitlebens mehr zu reden als seine Kunst. Doch auch nachdem zwei Weltkriege sein Vermögen ruiniert hatten und er mehrheitlich zurückgezogen in Rubigen bei Bern lebte, blieb sein radikaler Neuerungsdrang ungebrochen. Er wechselte seinen Stil wie andere die Kleider, übermalte seine Werke, liess jedoch vorgängige Schichten durchschimmern. Den grössten Schock löste er mit seinen realistischen Gemälden nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aus. Nazi-Kitsch oder beissende Ironie? Ob er das Wettbewerbsplakat für das Kind im schönsten Badekleid, eine Kinodiva, die Hunde der Wirtin, ein Porträt der befreundeten Literatin Gertrude Stein oder «den Diktator» als Kalb malte, die Werke sind immer sinnlich, intelligent und erschreckend zeitgemäss. Wie kaum ein anderer hat er die politischen und ästhetischen Brüche in Kunst übersetzt und wurde so zum Epochenmaler des 20. Jahrhunderts. Dabei war er nie Epigone, sondern immer Frontkämpfer, dem jede Form von routinierter Meisterschaft ein Gräuel war. Er hatte seine Bilder «in der Haut» und schöpfte seine Kreativität aus dem Widerspruch einer Welt, in der das Kreative durch Kriege obsolet und das Abbild durch die Fotografie überflüssig geworden war. Generationen von Kunstschaffenden von Meret Oppenheim über Sigmar Polke, David Salle, Bill Copley und ­Fischli/Weiss bezogen sich auf ihn. Und mittlerweile werden wohl auch die meisten Fachleute das Votum seines Freundes und Kunsthändlers Leonce Rosenberg mitunterschreiben: «Was auch immer er tut, es ist immer ein Picabia.»

Bis: 25.09.2016


MoMA, NY, 20.11.–19.3.2017; Katalog Hatje Cantz



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Francis Picabia [03.06.16-25.09.16]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Francis Picabia
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