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Besprechung
9.2016


Stefanie Manthey :  Ausstellung und Katalog zu ‹Future Present› haben die Emanuel Hoffmann-Stiftung und das Schaulager im vergangenen Jahr einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Nun folgt ein kleines, sperriges Projekt, dessen Dichte von Bezügen sich parallel zu den aktuellen Veränderungen der weltpolitischen Lage steigert.


Basel : Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow - Kammerstück


  
links: Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow · Zita - Щapa, Kammerstück, 2016, Blick in die Ausstellung Schaulager, Münchenstein/Basel ©ProLitteris. Foto: Tom Bisig
rechts: Alexej Koschkarow · Schtetl, 2012, Holz und Metall, 113,5x121x123 cm, Blick in die Ausstellung Schaulager, Münchenstein/Basel, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel ©ProLitteris. Foto: Bisig & Bayer


Kunst, die uns weiterbringt, ist nicht einfach da. Sie entsteht, sucht sich Wege, um wahrgenommen und in der angestrebten Intensität umgesetzt und gezeigt zu werden. In diesem Sinne ist das Schaulager ein verlässlicher Partner, der Ausstellungen in enger Zusammenarbeit mit Künstler/innen umsetzt. So aktuell für Katharina Fritsch (*1956, Essen) und Alexej Koschkarow (*1972, Minsk) mit einem Projekt, das sie gemeinsam entwickelt haben: Zita / Щapa.
Zentral für den Entwicklungsprozess waren Gespräche mit befreundeten Kuratoren wie Robert Fleck über Zita von Bourbon-Parma (1892-1989). Dies war die letzte Kaiserin von Österreich und Böhmen, der vor dem Zusammenbruch des Kommunismus das letzte Kaiserbegräbnis nach Habsburgerritual vor dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges zuteil wurde, nach dem Ersten Weltkrieg, nach ihren Reisen nach Osteuropa, St. Petersburg und Österreich. Im Lauf der Recherchen und Lektüren zeigte sich, wie sich persönlich Biographisches und Weltgeschichtliches überlagern: Der Fluss Щapa (Stschara) in Weissrussland war eine militärische Verteidigungslinie, an der Koschkarows Urgrossvater im Ersten Weltkrieg verwundet wurde. Titel und Typografie des Projekts sind die Essenz und zugleich eine subversive, bildhafte Setzung, die sich der Symmetrieachse bedient und die Frage aufwirft, in welchem Gewichtsverhältnis Begriffe stehen und sich in der Balance halten können.
Als sie das Projekt dem Schaulager vorstellten, bestand die Idee der beiden Kunstschaffenden darin, es im Puppenstubenformat in einem Off-Space in Basel zu zeigen: Drei Räume mit insgesamt sieben Arbeiten, darunter zwei Arbeiten Koschkarows, die jüngst für die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung angekauft wurden, sowie vier Neuproduktionen. Diese erste Idee wurde nicht weiterverfolgt. Stattdessen wurden sie eingeladen, das Projekt im Schaulager zu realisieren. Beide haben sich umgehend in ihren Ateliers in Düsseldorf und Brooklyn, New York, an die Arbeit gemacht, um das Projekt über eine ineinandergreifende Folge von Zwischenschritten und aufwendigen Arbeitsprozessen in den Massstab 1:1 zu überführen. Beide verbindet seit Mitte der Neunzigerjahre, als sie sich erstmals im Kontext der Düsseldorfer Kunstakademie begegnet sind, ein intensiver künstlerischer Austausch und der Anspruch, ihre von handwerklichen Prozessen durchdrungene bildhauerische Arbeit so weiterzutreiben, dass die Werke für sich stehen können. Zwei Mal haben sie gemeinsam Arbeiten gezeigt: 1999 in der Kunsthalle Düsseldorf im Rahmen der Ausstellungsreihe ‹Damenwahl›, 2012 in einer Düsseldorfer Galerie. «Zita hat 141 m² und besteht aus drei Räumen», so die Unterzeile der Ausführungsskizze für den weiss getünchten Raumkomplex mit einem Zugang. Dieser nimmt in seinem Inneren Bezug auf das durchgehende Deckenraster der Neonleuchten des Erdgeschosses. Er macht den umgebenden, mit Pfeilern gegliederten Erdgeschossraum des Schaulagers zum Resonanzraum und unchoreografierten Gegenvolumen der drei intensiven Settings im Inneren. Der mittlere Raum operiert mit Elementen, Verhaltenskodizes und Psychogrammen von Hof und Häuslichkeit und den latenten Energien, die dazugehören: das Monströse, Erpresserische. Hier treffen zwei Neuproduktionen von Fritsch und Koschkarow aufeinander. Zudem ist hier eine Gruppe von drei gesichtslosen Frauenfiguren, in schrillen, gelb pigmentierten Hohlkörpern aus Kunststoff versammelt. Sie sind über 3-D-Print-Prototypen und Gipsmodelle aus einer Maisblattpuppe entwickelt, die Fritsch in Bratislava erworben hat. Schräg gegenüber steht ein aufgeständerter Ofenkorpus aus bleiglasierter Keramik in Weiss mit schwarzem Schlot. Die Form ist von einer Eierhandgranate, einer Nahkampfwaffe, abgeleitet, die im Ersten Weltkrieg erstmals flächendeckend zum Einsatz kam. Höhepunkt der theatralen Setzung ist die Zone zwischen dem Mädchen mit dem grünen Ball und der geöffneten Ofentür. Im Ofeninneren dreht eine Aludose, bereit für den entfachenden Luftzug, der die Wärmequelle in ein explosives Wurfgeschoss verkehrt.
Der rechte Raum operiert mit dem leeren Zentrum als einzigem Punkt, in dem alle Arbeiten konvergieren, die ein Draussen suggerieren und direkte Wege verstellen: Die Frottagen in Grafit auf ungrundierter Leinwand eines Bronzeportals und zweier Adlerskulpturen, ein anthropomorphes Schtetl, das aus dem Parkettboden von Koschkarows New Yorker Atelier gefügt ist und als Gegenkreatur ‹Das was keinen Namen hat›: das Modell eines von kampfbereiten, bewaffneten Frauenfiguren - Mannweibern - dominierten Hybrids einer Monumentalarchitektur in Rückenansicht. Statt Krieg und Frieden, starke, plastische Bildprägungen, die Macht und Vertreibung, Frauen- und Männerrollen, Herrschaft und Siedlungsformen schonungslos in ein ursächliches Verhältnis setzen. Im Achsenkreuz des linken Raums das Setting eines aufgebahrten, blauen Sargs als Pendant zur ewig wandernden Kreatur.
Kunst, die weiterbringt, dient sich nicht an, versucht nicht zu gefallen, sie arbeitet mit offenen Metaphern und stellt Formen zur Verfügung, die auf Sachverhalte verweisen. Darin liegt die Stärke des Kammerstücks als eigenständiger Beitrag zu den grossen weltpolitischen Fragen, die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems erstmals in globaler Tragweite wieder auftauchen. «Wir wollten keine Wohlfühlskulptur machen», so Katharina Fritsch im jüngsten Interview. Stefanie Manthey


Bis: 02.10.2016


‹Zita - Щapa. Kammerstück von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow›, Schaulager, bis 2.10.; ­Publikation mit Texten von Maja Oeri, Robert Fleck, Jacqueline Burckhardt, Michael Rooks, Julian Heynen; Künstlergespräch, Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow mit Robert Fleck, 2.9., 19 Uhr; Round Table ‹Zeitgeister›, moderiert von Eva Ehninger, 22.9., 19 Uhr; Round Table ‹Inszenierungspraktiken›, moderiert von Markus Klammer, 29.9., 19 Uhr



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Katharina Fritsch, Alexej Koschkarow [12.06.16-02.10.16]
Institutionen Schaulager [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Stefanie Manthey
Künstler/in Katharina Fritsch
Künstler/in Alexej Koschkarow
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