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Besprechung
9.2016


Isabel Friedli :  Michael Landys Kunst kreist um Fragen nach dem Wert von Dingen und Menschen in unserer Gesellschaft und was Besitz mit einem Menschen anstellt. Bekannt wurde er 2001, als er in ‹Breaking Down› sein gesamtes Hab und Gut in einer an einen öffentlichen Schauprozess erinnernden Inszenierung vernichtete.


Basel : Michael Landy - Out of Order


  
links: Michael Landy · Breaking News, 2015-2016 (links), und Saint Apollonia, 2013 (rechts), im Hintergrund: Nourishment, 2002, und The Landy Family, 2007-2008, Installationsansicht, Museum Tinguely, Basel. Foto: Daniel Spehr
rechts: Michael Landy · Inventar von Landys gesamtem zerstörten Hab und Gut aus Break Down, 2001, Installationsansicht ©2016 Museum Tinguely, Basel. Foto: Daniel Spehr


Dass es dem britischen Künstler (*1963) schon in den ersten Arbeiten um die unerbittlichen Gesetze des Marktes, die keine Unterscheidung zwischen Konsumgütern, Menschen oder Kunst vornehmen, ging, zeigt die Retrospektive im Museum Tinguely. Die Installation ‹Market›, 1990, etwa besteht aus in England typischen, mit Kunstrasen belegten Warengestellen, die allerdings leer sind - jeder Funktion enthobene Specific Objects. Auf dem randvoll gefüllten Einkaufswagen in ‹Shopping Trolley›, 1992-2016, prangen grelle Schilder, die für Tiefstpreise werben, darüber aus dem Lautsprecher die Stimme Landys, die sich in marktschreierischer Anpreisung der vermeintlichen Schnäppchen - tatsächlich handelt es sich um Müll - überschlägt. Eigentum erhöht den Status des Menschen, sei es auch nur in der Selbstwahrnehmung. Verkörpert eine Ware auch den Besitzer? Was passiert, wenn man alle Dinge, die einem gehören, einfach entsorgt? 2001 machte Landy diesen Traum vom Abwerfen jeglichen Ballasts in radikalster Weise wahr: Nach einer einjährigen Phase des Inventarisierens jedes noch so unbedeutenden Teils aus seinem Besitz - säuberlich kategorisiert nach «Küche», «Freizeit», «Kunst» oder «Kleidung», die Liste füllt eine ganze Wand des Museums - machte er sich daran, diesen Fundus in systematischer Fliessbandarbeit wie in einer Fabrik - einer ehemaligen C&A-Filiale - zu vernichten. In einem industriell anmutenden Prozess wurden alle Habseligkeiten - Socken, LP's, Pass und der schmucke Saab - vom Künstler und seinen Mitarbeitern emotionslos zerlegt, gewogen und durch den Schredder gejagt. Die Schwere der Tat - die Atomisierung des gesamten Besitzstands - hob sich auf im Zustand vollkommener materieller Leichtigkeit. In dieser Stunde Null richtete Landy seinen Blick auf eine Form der Existenz, die auch auf kargster Grundlage gedeiht. Mit Radierungen von Pionierpflanzen - im Volksmund Unkraut - schuf er mit der Serie ‹Nourishment›, 2002, eine Art subtiles Selbstbildnis. Als Reaktion auf die Heiligenbildnisse in der National Gallery kreierte er jüngst mit ‹Saints Alive›, 2013, Skulpturen wie störanfällige Spielautomaten, die auf Knopfdruck ihr Martyrium vorführen, die Attribute übergross in Szene gesetzt: Die Zange der heiligen Apollonia oder der Finger des ungläubigen Thomas, der in unheiliger Allianz zum Wühltisch die Seitenwunde Christi befingern muss, um zu glauben. Nicht zuletzt in diesen scheppernden kinetischen Superheros zeigt sich Landys Wahlverwandtschaft mit Jean Tinguely.

Bis: 25.09.2016


grosses Jubiläumsfest am 25.9



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Michael Landy [08.06.16-25.09.16]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Michael Landy
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