Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
9.2016




Genève : Passionnément céramique


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Passionnément céramique: Collection Frank Nievergelt, 2016, Ausstellungsansicht Musée Ariana. Foto: Nicolas Lieber
rechts: Nicolas Lieber · Chronique céramique, 2016, Ausstellungsansicht Musée Ariana, Genf. Foto: Nicolas Lieber


Hin und wieder in das 1993 wiedereröffnete Musée Ariana zu gondeln, ist für Glas- und Keramikliebhaber/innen ein Muss. Es ist das einzige Schweizer Museum, das sich ganz diesen zwischen Kunstwerken und Gebrauchsdingen oszillierenden Feldern widmet. Richtig Wind in seine Segel ist jedoch gekommen, seit es die energische Direktorin Isabelle Naef Goluba und ihre brillante Konservatorin Anne Claire Schumacher 2010 aus dem MAH herausgelöst haben. Ihr reiches, weit ausgreifendes Programm vermittelt heute aus Erde Gebranntes und Geschmolzenes nicht nur als ein universales, dabei höchst differenziertes Genre. Vielmehr haben die beiden Frauen die Tür auch anderen Medien einen Spalt weit geöffnet, um so die Position des eigenen Museums innerhalb einer breiteren Geschichte der Künste auszuloten. Diese Saison zeigen sie dabei zwei sich besonders fein abrundende Ausstellungen.
Im katakombenartigen Untergeschoss ist zuerst eine Auswahl aus der grossartigen Sammlung zeitgenössischer Keramik von Frank Nievergelt zu sehen. Diese wird als Frucht einer langjährigen Freundschaft mit dem auch als Autor und Kurator gefragten Ostschweizer Sammler im Museum bleiben. Der Goldschmied und Kunsthistoriker sammelte schon in jungen Jahren. In der zeitgenössischen Keramik fand er 1971 jedoch erstmals ein erschwingliches Gebiet, das ihm einen intensiven Dialog mit den Kunstschaffenden selbst ermöglichte. Stets neugierig, doch bedächtig und überlegt sammelnd, ist es ihm gelungen, die Entwicklung vor allem im nördlicheren Raum Europas auf höchstem Niveau äusserst facettenreich zu verfolgen. Man begegnet vollendeten Gefässen einer Lucie Rie und eines Hans Cooper ebenso wie kuriosen Figürchen von naiven Aussenseitern wie Jakob Stucki. Die stimmig zwischen Volumen, Form, Farbe und Textur kommunizierenden Ton- und Glasurgebilde sind offenbar einer wirklichen Künstlerpersönlichkeit entsprungen und - die Schau macht es auf Schritt und Tritt erfahrbar - vermögen Emotionen auszulösen. Auf der ersten Etage führt dann der nicht zuletzt von Frank Nievergelt geschätzte Objektfotograf Nicolas Lieber die gemeinsame Passion für Keramik augenzwinkernd, aber auch abgründig fort. So hat der Waadtländer Künstler hinter ikonischen Stücken des Musée Ariana heterogene Collagen platziert und die gepflegten Vitrinen in spelunkenartige Guckkästen transformiert. Die Bilder konfrontieren rein Motivisches (Streifen, Palmen) mit aus der Tiefe unserer Psyche aufsteigenden Assoziationen (nackte Haut) oder greifen historische Zusammenhänge (Industrialisierung, Kolonialismus) auf und fordern uns auf, die Gefässe davor in alternative Narrationen einzuflechten.

Bis: 22.01.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Passionnément céramique (Collection Nievergelt) [08.04.16-25.09.16]
Institutionen Musée Ariana [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=160824151021AGM-26
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.