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9.2016




Lausanne : Piero Manzoni


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Piero Manzoni · Achrome: la peinture sans couleur, Ausstellungsansicht MCBA, 2016. Foto: Nora Rupp ©ProLitteris
rechts: Piero Manzoni · Demain, c'est aujourd'hui, Ausstellungsansicht MCBA, 2016. Foto: Nora Rupp ©ProLitteris


Das Musée cantonal des Beaux-Arts/MCBA hat in den letzten Jahren immer wieder vielversprechend aufgezeigt, welche Achsen es auf der Basis seiner zwar wachsenden, aber mehrheitlich im Depot lagernden Sammlung in dem Neubau verfolgen wird, der zurzeit von den Architekten Barozzi Veiga errichtet wird. Nun vermittelt zudem eine Informationsschau bereits einen 1:1-Vorgeschmack auf die projektierten Ausstellungs-, Begegnungs- und Betätigungsräume. Das Modell eines der Schausäle erscheint dabei mit gebleichtem Eichenboden und beweglichem Lichtsystem in zeitloser Klarheit. Es fasst zurzeit eine Werkgruppe des in Düsseldorf lebenden Malers Thomas Huber (*1955, Zürich), die just das Zeigen von Kunst in ihrer ganzen ökosoziokulturellen Komplexität vom Atelier bis zum Museum reflektiert. Voll im Trend liegen die auf den Konstruktivismus anspielende Bar der in Berlin lebenden Plastikerin Claudia Comte (*1983, Lausanne) und der skandinavisch anmutende Mediationsraum des haus­eigenen Pädagoginnen- und Handwerkerteams.
Doch nebst diesen Vorboten des Neubaus setzt die Ausstellung von Piero Mazoni (1933-1963) den gewichtigsten Schwerpunkt. Die von ­Camille Lévêque-Claudet, Konservator in situ, und Choghakate Kazarian, Konservatorin am Musée d'art moderne de la ville de Paris, ausgerichtete Präsentation besticht durch die unaufgeregte Konzentration auf die Werk­familie, die der Künstler von 1956 bis 1960 unter dem neologischen Titel ‹Achrome› schuf. Sie begann mit gerafften und dann vergipsten oder mit Kaolin überzogenen Leinwänden. Später nähte Manzoni diese dann manchmal auch zusammen oder besetzte sie mit auf Wärme, Licht, Nässe und Zugluft reagierenden Materialien: Kobaltchloridklumpen, phosphoroszierende Styroporkugeln, Watte und synthetische Fusel. Zudem sind auch Assemblagen sowie verpackte und verschnürte Gemälde Teil der Werkgruppe ‹Achrome›. Manzoni mag Radikaleres gemacht haben als diese stets in Rahmen oder auf Sockel gebannten Werke. Er hat etwa Modelle signiert oder, glaubt man der Etikette, Künstlerscheisse in Konservenbüchsen verkauft. Dennoch wird man ihm am Ende des Rundgangs beipflichten, wenn er postuliert, dass in ‹Achrome› seine wichtigsten Gesten dieser Jahre versammelt sind. Nicht nur stellte die Farblosigkeit kunsthistorisch eine ebenso sinnliche wie geistige Steigerung des zuvor von Klein und Fontana eingeführten Monochrom dar. Die heute sichtbar verstaubenden, zer- und einfallenden Ruinen von Manzoni unterlaufen jeden Versuch, Kunst versiegeln und anhäufen zu wollen, fast noch schelmischer als seine a priori ephemeren Aktionen. Umso nachhaltiger zelebrieren sie den funkelnden Moment der Geburt der Kunst.

Bis: 25.09.2016



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Piero Manzoni [17.06.16-25.09.16]
Institutionen Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Piero Manzoni
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