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9.2016




Paris : Joana Hadjithomas, Khalil Joreige


von: J. Emil Sennewald

  
links: Joana Hadjithomas & Khalil Joreige · Cartes postales de guerre, aus : Wonder Beirut, 1997-2006. Edition von 18 Postkarten, Courtesy Galerie In Situ
rechts: Joana Hadjithomas & Khalil Joreige · Se souvenir de la lumière, 2016, 2 Videos HD, Farbe, Ton, 8', Courtesy Galerie In Situ


«Farouzi, aufrecht, sehr gerade, den Mantel auf den Schultern, drängt die ­Arbeiter.» Das wäre auf Bild Nummer 20 zu sehen, auf ­einem Kodak-Film, den der libanesische Fotograf Abdallah Farah während der Bürgerkriegsjahre in Beirut belichtet hat. Entwickelt wurde das Bild nicht. Alles, was er minutiös aufbewahrte, sind Filmrollen und beschreibende Notizen. Als «latente Bilder» haben Joana Hadjithomas und Khalil Joreige dieses Archiv in den Ausstellungssaal versetzt. Indes: Farah und seine Geschichte sind fiktiv. An Stelle des Bildes tritt, auch historiografisch, dessen Legende. Damit aktivieren sie Imaginäres, das unterm Eindruck der Bilder zerrissen ist. So wie die verbrannten Negative des fiktiven Fotografen, die das 1969 in Beirut geborene Künstlerduo als ‹Wonder Beirut› seit 1997 als Postkarten publiziert. Sie werden in der Ausstellung via Kartenständer verteilt. 18 touristische Ansichten von Beirut, die Farah in staatlichem Auftrag von 1968 bis 1969 vom «Paris des Nahen ­Ostens» aufnahm. Damals war die «libanesische Riviera» beliebtes Reiseziel für die europäische Haute Volée. Im Herbst 1975, während des ersten Bürgerkriegs, verbrannte Abdallah, so erzählen die Künstler, die Negative dort, wo in Beirut Gebäude zerbombt wurden. Mit den Gratiskarten erhalten die Besucher die Narben im Imaginären. «Wir arbeiten zur Gegenwart und nicht zur Vergangenheit», sagen Hadjithomas und Joreige, «auch wenn diese die Lebenden heimsucht». Sie wollen Vergangenes aktivieren. Wie bei Landsmann Walid Raad mit seiner Atlas Group gelingt dies durch das Ineinanderfliessen von Fiktion und Geschichte. Statt ihn weiter unerträglich «vollständig durch Informationen abgedeckt» zu halten, wie es Adorno für den Zweiten Weltkrieg bemerkte, statt historischen Fakten Klischees anzuhaften, die den Krieg durchs Abbilden unendlich wiederholen, soll unter dem zerrissenen Schleier des Imaginären Zukunft keimen. Kein kleines Unterfangen, das im Jeu de Paume als aktuelle Aufgabe ­erkennbar wird. Besonders durch ‹La Rumeur du monde›, das 2014 sogenannte Scams aufgriff, betrügerische E-Mails falscher Kriegsopfer, die um Geld bitten. Gerade aus deren Gaunereien spricht eine Realität interna­tionaler Kriege, die «objektiv» kaum vermittelbar wäre. Um die Verhaftung des Realen mit Bildern zu lösen, braucht es Worte, Erzählung. Das vermitteln einfühlsam die beiden aktuellen Filme des Duos. Joana Hadjithomas im Gespräch mit der Dichterin Etel Adnan in ‹Ismyrac› und die Doppelprojektion ‹Se souvenir de la lumière›. Als Titel der Ausstellung verweist Lumière auf den Moment vor dem Festhalten im fotografischen Bild. Zu diesem wollen die Künstler vordringen, wollen sich den Lebenden zuwenden, ohne zu vergessen. Trotz all der Bilder.

Bis: 25.09.2016



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Ausgabe 9  2016
Ausstellungen Joana Hadjithomas, Khalil Joreige [07.06.16-25.09.16]
Institutionen Jeu de Paume [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Joana Hadjithomas
Künstler/in Khalil Joreige
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