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Fokus
10.2016


 In seinen Werken befragt Pascal Schwaighofer die Beschaffenheit und die gesellschaftliche Wahrnehmung von künstlerischer Arbeit. Seine Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Referenzpunkten – mit den Schriften der Aufklärung, dem französischen Poststrukturalismus oder dem Postoperaismus – verdichtet er in technisch anspruchsvollen Arbeitsprozessen zu poetischen und vielschichtigen Objekten, Bildern oder Performances.


Pascal Schwaighofer - Vom Kippmoment in der Kunst zwischen produktivem und unproduktivem Wert


von: Gioia Dal Molin

  
links: Ausstellungsansicht Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, 2016. Fotos: Mauro Zeni
rechts: Tulipmania, Pascal Schwaighofer, Jan Verwoert, edition fink, Herausgeber Le Foyer, 2015


‹La classe sterile›, die sterile Klasse nennt Schwaighofer die Ausstellung seiner ­Arbeiten, die er soeben im Museo Vincenzo Vela in Ligornetto (TI) eröffnet hat. Der im 18. Jahrhundert vom Physiokraten François Quesnay geprägte Begriff definiert die «unproduktiven» Berufsgruppen der Handwerker/innen, Industriearbeiter/innen oder Kaufleute, die nicht direkt an der Gewinnung von Rohstoffen oder Nahrungsmitteln beteiligt sind. Die streitbare Kategorie ist für Schwaighofer eine These, die uns zu den theoretischen Referenzpunkten und Gedankenexperimenten führt, die ihn in seiner Praxis beschäftigen. Es sind Fragen nach der Repräsentation, der Wertigkeit und der Konnotation von künstlerischer Arbeit, die im Anschluss an das Konzept der sterilen Klasse und je nach Ausrichtung der angewandten Analysekategorie ebenso produktiv wie unproduktiv ist. «Das Spannende in der Kunst», so Schwaighofer, «ist doch gerade dieses Kippmoment zwischen Produktivität und Unproduktivität.» Wie also reflektiert er die Idee einer «sterilen» Klasse und die daran geknüpften Vorstellungen über produktive und unproduktive Arbeit in der Kunstwelt der Gegenwart?

Die Bienen, die Herrscher und die Arbeit
Im Museo Vela entwickelt Schwaighofer eine, wie er sagt, «dialogische Gegenüberstellung» zwischen den Arbeiten des Museumsstifters Vincenzo Vela und seinen eigenen Werken. Konzeptueller Ausgangspunkt ist dabei Velas Gipsrelief ‹Le vittime del lavoro› (it., Die Opfer der Arbeit) von 1882, das der Künstler im Andenken an die beim Bau des Gotthardtunnels verunfallten Arbeiter/innen schuf. Neben diesem Mahnmal für die Arbeiterklasse besteht das im Museum präsentierte Œuvre Velas aus einer Vielzahl von Gipsmodellen für Statuen von Königen und politischen Anführern. Genau dieser Widerspruch reizt Schwaighofer, wenn er seine Arbeiten mit denjenigen Velas konfrontiert und dabei verschiedene inhaltliche Bezüge herausstreicht. Während die Arbeiten des Bildhauers auf tradierten Ikonografien und einer gegenständlichen Bildsprache basieren, greift Schwaighofer auf die abstrakte Symbolik der Bienen zurück, die in der westlichen Kultur für Arbeitseifer, Fleiss und Ordnung stehen. So platziert er die Objektgruppen ‹La mala mimesis› und ‹Mal d'archive›, 2012-2016, die aus mehreren mit Gips übergossenen und ausgeschmolzenen Bienenwaben und Bienenbeuten bestehen, in verschiedenen Ausstellungssälen des Museums.
Auf die Bienensymbolik referiert auch ‹Proposal for a flag (Royal Batik)›, 2016. Auf Leinentücher hat der Künstler mit einer Batik-Drucktechnik ein Bienenwabenmuster gedruckt. Als Referenz für diese Arbeit nennt er die erste Fahne der 1864 gegründeten sozialistischen ‹Internationalen Arbeiterassoziation›, die - so Schwaighofer - ein Bienenstock zierte, womit der Assoziation eine bestimmte politisch-ideologische Arbeits- und Gesellschaftsordnung eingeschrieben wurde.
In Konfrontation mit Velas Werken greift der Künstler zwei Dinge auf. Einerseits fragt er, wie Arbeit und gesellschaftliche Machtverhältnisse dargestellt werden können. Vela pocht auf die Aussagekraft der figurativen Darstellung, derweil bedient sich Schwaighofer der Bienenmetapher, um arbeitsethische und gesellschaftsordnende Grundsätze abzubilden. Andererseits formulieren beide Künstler Verweise auf die Prozesse ihrer Arbeit. Während die historischen Gipsmodelle vom bildhauerischen Schaffensprozess zeugen, nutzt Schwaighofer die ebenfalls der Bildhauerei eigenen Verfahren des Abgiessens und Ausschmelzens: Diese sind in seinen Objekten sichtbar und bezeugen den Entstehungsprozess.

Künstlerische Arbeit in der postindustriellen Gesellschaft

Nun drängt sich die Frage auf, inwieweit die künstlerische Arbeit im heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem als produktiv oder unproduktiv kategorisiert wird. Im Gespräch mit dem Ökonomen Christian Marazzi denkt Schwaighofer über die Konnotation von künstlerischer Arbeit nach und stützt sich dabei auf jene Theorie der politischen Ökonomie, die Bienenvölker als Metapher für die postindustrielle Gesellschaft anführen. Der Wirtschaftswissenschaftler Yann Moulier-Boutang prägte hierfür den Begriff der «pollen society», Pollen-Gesellschaft. Diese beruht weniger auf der Produktion von Gütern denn auf Wissensproduktion und Erfindungskraft. Dabei ist die schwer quantifizierbare, kreative, kognitive oder affektive Arbeit zentral. Stellte sie im industriellen Zeitalter lediglich einen Nebeneffekt dar - gleich den Bienen, die zur Nahrungsaufnahme Pollen transportieren und Pflanzen bestäuben - ist sie nun die Essenz des heutigen ökonomischen Systems.
Mit dieser Kategorisierung ist die Arbeit von Künstler/innen von grosser Produktivität und in zweierlei Hinsicht bedeutend. Einerseits leisten sie jene kreative Arbeit, die sich in die Kreisläufe einer sogenannten Kreativwirtschaft einspeisen lässt, und nähren so den Kunstmarkt, der gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen floriert. Andererseits fungieren die Kunstschaffenden mit ihren kreativen, autonomen Arbeitsstrategien und der Bereitschaft zu Flexibilität und Mobilität als idealtypische Arbeitnehmer/innen in der postfordistischen Wirtschaft, wobei die Realität von oft prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgeblendet wird. Diese Vorstellungen von künstlerischer Arbeit thematisiert Schwaighofer kritisch in Werken, in denen er die Entstehung der Kunst visuell oder performativ in den Fokus rückt und mit dem Bild des Künstlers als Schöpfer spielt. So etwa in der Serie ‹Economimesis›, 2015, für die er mit der türkischen Ebru-Maltechnik seriell Bilder mit Tulpenmotiven gefertigt hat. Er bezieht sich hier auf Jacques Derridas 1975 publizierten Aufsatz ‹Economimesis› und führt die darin formulierte Behauptung, der freie und nichtmimetische Künstler sei seinerseits in der Mimesis des göttlichen Schöpfungsakts gefangen, ad absurdum. Er multipliziert die oft gepriesene Schönheit der Tulpe und untergräbt den genialen und kreativen Schöpfungsakt, optimiert aber die Produktivität.

Von Tulpen, Geld und Spekulation
Auch das Projekt ‹La madonna dei tulipani›, 2016, entstanden im Rahmen der ‹Gasträume 16› - einer Stadtzürcher Initiative für Kunst im öffentlichen Raum -, ­fokussiert die künstlerische Arbeit. Zwischen Juni und September malte Schwaig­hofer in der Tradition der Strassenmaler/innen mit Kreide Tulpenmotive auf den Platz beim Prime-Tower-Hochhaus, wo internationale Galerien, Versicherungskonzerne und Banken ansässig sind. Das künstlerische Handwerk in Form von körperlich und zeitlich intensiver Malarbeit mündet in einem sichtbaren und quantifizierbaren Resultat. Obschon die Produktivität des Künstlers dabei offensichtlich ist, verweist Schwaighofer mit ‹La madonna dei tulipani› auf ein kapitalistisches Dilemma der kreativ-künstlerischen Arbeit: Sie ist bezüglich der Zeit nur begrenzt optimierbar. Weiter ist die Wertigkeit der Arbeit spekulativ. Und zwar in mehrfachem Sinne. Zwar kann das «schöne» Tulpenbild von Passant/innen mit Geld honoriert werden, sowohl der tatsächliche monetäre als auch der symbolische Wert sind aber spekulativ. Das Kunstwerk bleibt unfassbar und ist ebenso Spekulationsobjekt, wie es die Tulpe im 17. Jahrhundert in den Niederlanden war - hierüber spricht Schwaighofer mit dem Kunstwissenschaftler Jan Verwoert in der Publikation ‹Tulipmania›, 2015. Einverleibt vom Kunstmarkt ist es von abstraktem, behauptetem Wert, der von der konkreten künstlerischen Arbeit entkoppelt ist. Nicht zuletzt verweist ‹La madonna dei tulipani› auf die Produktivitätskraft der Kunst in Aufwertungs- und Spekulationsprozessen im städtischen Raum.
Schwaighofer weiss um diese Mechanismen. Seine Strassenmalerei verschwindet mit dem ersten Regen. ‹La madonna dei tulipani› entzieht sich allen spekulativen Zugriffen, allen ökonomischen Einschreibungen. Es ist dieses ambivalente Kippen zwischen Produktivität und Unproduktivität, die stets ambivalenten Wertigkeiten von Kunst, die er in seiner künstlerischen Arbeit forciert. Und genau aus diesem Kippen heraus entstehen neue Fragen, entsteht eine neue Produktivität.

Gioia Dal Molin ist Kunstwissenschaftlerin und freie Kuratorin in Zürich, zusammen mit Anna Francke leitet sie die Gesprächs- und Ausstellungsplattform Le Foyer, gioia@reunion.la

Bis: 20.11.2016


Pascal Schwaighofer (*1976, Locarno) lebt in Zürich

Einzelausstellungen, Talks und Performances (Auswahl)
2016 ‹La classe sterile›, Museo Vincenzo Vela, Ligornetto
2014 ‹Tulipmania›, Gespräch mit Jan Verwoert, Le Foyer, Zürich
2013 ‹Economimesis›, Barbara Seiler Galerie, Zürich
2012 ‹Le monde nous échappe puisqu'il redevient lui-même›, Centre Culturel Suisse, Paris

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹La madonna dei Tulipani›, Gasträume 2016, Maagplatz, Zürich
2015 ‹SVILUPPO - PARALLELO›, Kunstmuseum Luzern
2015 ‹Voglio vedere le mie montagne›, MAGA Museum, Gallarate
2012 ‹La jeunesse est un art›, Aargauer Kunsthaus, Aarau

Publikationen (Auswahl)
2016 ‹Tulipmania›, Pascal Schwaighofer, Jan Verwoert, Edition Fink
2012 ‹Pascal Schwaighofer/Misha Stroj›, Ar/ge kunst (#13), Mousse Publishing



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Pascal Schwaighofer [06.09.16-20.11.16]
Institutionen Museo Vincenzo Vela [Ligornetto/Schweiz]
Autor/in Gioia Dal Molin
Künstler/in Pascal Schwaighofer
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