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Fokus
10.2016


 Die Arbeiten des Bündner Künstlerpaars Gabriela Gerber und ­Lukas ­Bardill überzeugen durch die Leichtigkeit, mit der sie alltägliche Gegebenheiten ins Blickfeld rücken. In präzisen ­multimedialen Dispositiven untersuchen sie das ästhetische Potenzial beiläufiger Orte und flüchtiger Zustände. Durch gezielte Strategien der Verdichtung, Verfremdung und Wiederholung transportieren ihre Geschichten immer auch grundlegende Fragen des Lebens.


Gabriela Gerber/Lukas Bardill - Kurze Geschichten der Endlosigkeit


von: Katharina Ammann

  
links: Am Hang, 20140314, 2014, C-Print, 70x50 cm ©ProLitteris
rechts: Avenue, 2011, Temporäre, begehbare Installation auf dem Talboden des vorderen Prättigaus, Winter 2011/12 ©ProLitteris


Der schwere, in einer Bergeller Scheune entdeckte Leiterwagen wird kurzerhand zu einem ‹Automobile›, 2015, animiert, das im Höllentempo selbständig über die Bergwege rast. Solche Dinge und Situationen aus ihrer Umgebung wecken das Interesse von Gabriela Gerber und Lukas Bardill. Seit 1998 arbeiten sie zusammen, zunächst in Maienfeld und seit einigen Jahren in Schiers. Diese Durchgangsorte und allgemein der voralpine Übergangsbereich bilden die Basis für ihr Schaffen. Ihre Ideen und Konzepte entwickeln sie vor Ort, indem sie landschaftliche Konstellation und landwirtschaftliche Vorgänge, Gerätschaften, Bauten oder natürliche Prozesse über längere Zeit beobachten. «Es geht uns neben visuellen Reizen und zeichenhaften Gesetzmäs­sigkeiten auch um gesellschaftliche und ökonomische Zusammenhänge. Da unsere Arbeiten oft ortsspezifisch entstehen, sich geografisch verorten lassen und damit im Kontext lokaler Interessenszugriffe stehen, fallen Interpretationen und Bedeutungszuschreibungen vielschichtig, unberechenbar und mitunter kontrovers aus.»

Zeitliche und inhaltliche Verdichtungen
In ihrer Beschäftigung mit Video sehen Gerber und Bardill das Potenzial der zeitlichen Verdichtung von Abläufen, die sich über längere Zeitspannen hinziehen. Durch die Überlagerung der über mehrere Tage oder Wochen hinweg gefilmten Sequenzen werden Muster sichtbar. In ‹Forum›, 2000, sind es die Helikopter, die während des WEF/World Economic Forum ins Tal hinein- und hinausfliegen. In ‹Partnun›, 2008, ziehen die Heuwagen zahllose Linien über den Prättigauer Hang. Dabei mutiert die Linearität von Zeit und Raum durch die technische Montage von sechzig Videospuren zu einem netzartigen und eigentümlich lebendigen Gefüge der Gleichzeitigkeit; die Fahrzeuge wimmeln über den Boden und die Hubschrauber tanzen wie ein Schwarm Insekten. Die durch die zeitliche und strukturelle Schichtung erzielte Abstraktion wirft übergeordnete Fragen auf: Sowohl ‹Partnun› wie ‹Forum› sind von lokaler Relevanz, zugleich sprechen sie generelle ökologische, wirtschaftliche und politische Themen an. Dabei formulieren die Künstler keineswegs eindimensionale Aussagen zu Umweltpolitik und Weltgeschehen, sondern regen in ihren medial zugespitzten Arbeiten das Nachdenken darüber an.

Vergänglichkeit und Wandlung
Die Aufmerksamkeit des Künstlerpaars gegenüber seiner Umgebung ist ebenso unvoreingenommen wie differenziert. Das Duo hat ein Gespür dafür, uns die kulturelle Konstruktion unseres Naturverständnisses vorzuführen. Es ist ein durchwegs gestalteter Raum, dessen Wahrnehmung sich durch Besiedelung, bäuerliche Nutzung sowie die wirtschaftliche Verwertung und wissenschaftliche Erfassung ständig ändert. Seit Jahren registrieren Gerber und Bardill zivilisatorisch-architektonische Setzungen im Landschaftsraum. Zu nennen sind insbesondere die immer weniger gebrauchten Ställe und Scheunen. Bereits mit ‹Tenner Ställen›, einer Fotoserie von 2007, und ‹Stanzer Ställen›, einer Endlos-Animation von 2010, untersuchten sie die Typologie von hunderten verfallender Hütten, die in nächster Nähe voneinander in der Gegend verstreut sind. Im Winter 2011/12 verwandelten sie eine solche Ansammlung auf dem Talboden in Grüsch in eine begehbare Installation mit dem Titel ‹Avenue›. Sie verlegten Strom und beleuchteten zwölf Schuppen von innen, was nachts eine ebenso anziehende wie unheimliche Wirkung erzielte. Auslöser für ‹Avenue› war die Beobachtung des visuellen Phänomens, dass im Vorbeigehen das Tageslicht für einen kurzen Moment zwischen den Latten durchblitzt und den gebauten Raum durchlässig macht.
Licht spielt neben der Bewegung eine zentrale Rolle im Schaffen der Künstler. Mit Licht transformierten sie etwa die militärische Ortskampfanlage Answiesen oberhalb von Maienfeld anlässlich der Ausstellung ‹Uninhabitable Objects› (Chur/Nairs 2013) zum abendlichen Einfamilienhausquartier. Eine noch stärker affektive Wirkung übernahm das Licht in ihrer raumgreifenden Installation ‹Dornröschen› im Kunstraum Dornbirn im selben Jahr. Sie liessen alle Fenster der dreissig Meter langen Halle mit einer projizierten Animation von Senfkeimlingen zuwachsen. Zehnminütige Loops aus je 4000 Einzelbildern zeigen, wie die Pflänzchen wuchern, das Licht zunehmend verdrängen und nach einem Moment der Dunkelheit verdorrend niedersinken, worauf sich der Raum erhellt, als ob Tageslicht durch die Fenster strömt. In einer Endlosschleife wiederholt sich das Werden und Vergehen. Die in dieser Installation sichtbar gemachte Kraft der keimenden Pflanzen ist ebenso bedrohlich wie beeindruckend. Der in monumentaler Grösse und zeitlicher Raffung dokumentierte Verfall ist von existenziellem Schmerz, bringt den Betrachtenden aber gleichzeitig – wenn auch nur künstliches – Licht zurück. So, wie im Märchen Dornröschen die ­Hecke Schutz und Gefängnis zugleich ist, präsentiert sich ähnlich ambivalent die in der Installation spürbar gemachte Beziehung von Mensch zu Natur.

Narrative Kraft des Loops
Gingen Gabriela Gerber und Lukas Bardill zumeist von real vorgefundenen Motiven aus, die sie aufnahmen und weiterbearbeiteten, so stellten sie für ‹Dornröschen› ­eigens ein Pflanzlabor her, da sich das Wachstum nicht in einer natürlichen Situation dokumentieren liess. Für ihre aktuellen Ausstellungen in Chur und Steckborn arbeiten sie nun erstmals mit kulturellen Artefakten, speziell mit historischen Fotogra­fien, respektive bemalten Ofenkacheln. Ausgangslage sind also fremde Bildfindungen, denen die Künstler jedoch ebenfalls durch ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit Lokalkultur auf die Spur gekommen sind. Eingeladen ins Haus zur Glocke in Steckborn zum transkantonalen Austausch, haben sie entdeckt, dass in Graubünden zahlreiche Stuben mit Steckborner Kachelöfen ausgestattet sind. Szenen aus dem 18. Jahrhundert mit Palmen, Dreispitzhüten und Schäferstündchen, die sich denkbar fremd im Bündnerland ausnehmen, werden von Gerber und Bardill in ‹Ofengeschichten›, 2016, mit einfachen Strichzeichnungen animiert. Die Keramikmalereien muten wie eine Frühform des Comic an, mit ihnen liessen sich die kalten Winterabende versüssen. Nun beginnen sie sich zu bewegen und erzählen kleine Geschichten in einem ewigen Kreislauf. Die technische Möglichkeit des Loops erweist sich auch hier als inhaltlich relevant, da Banales und Absurdes durch die Wiederholung existenzielle Bedeutung erhält. Es ist dieses spannungsvolle und präzise Gleichgewicht zwischen spielerischem Humor und scharfsinniger Beobachtung, die das lokal verwurzelte Schaffen von Gabriela Gerber und Lukas Bardill gültig und universell macht.

Katharina Ammann, Abteilungsleiterin Kunstgeschichte, SIK-ISEA, Zürich, katharina.ammann@sik-isea.ch
Die Künstlerzitate stammen aus einem Gespräch in Schiers, 25.7.2016


Bis: 23.10.2016


Gespräch mit Gabriela Gerber/Lukas Bardill und Roman Signer sowie Katharina Ammann und Katrin Weilenmann, Villa Bleuler Gespräche, eine Kooperation zwischen SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA, Zollikerstrasse 32, Zürich, 18.10., 18.00-19.30 Uhr www.sik-isea.ch
‹Mischol reloaded in der Ausstellung Archiv - 80 Jahre Bündner Kunst›, Bündner Kunstmuseum Chur, 4.12.-21.1.2017 www.buendner-kunstmuseum.ch

Gabriela Gerber (*1970)
1999 bis 2003 Zürcher Hochschule der Künste (vormals HGKZ), Studienbereich bildende Kunst

Lukas Bardill (*1968)
1993 bis 1997 F+F Schule Zürich, Studiengang Kunst und Mediendesign
2010 Universität Bern, MAS für Kunst und Gestaltung

Einzelausstellungen (Auswahl)
2014 ‹Am Hang›, Galerie Luciano Fasciati Chur
2013 ‹Dornröschen›, Kunstraum Dornbirn
2009 ‹Wildbahn›, Kunstraum Kreuzlingen
2006 ‹See How The Land Lies›, Bündner Kunstmuseum Chur

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Videos und Videoinstallationen›, Galerie Luciano Fasciati Chur
2015 ‹Video Arte Palazzo Castelmur›, Stampa-Coltura
2014 ‹Nach der Natur›, Stadtgalerie Saarbrücken
2013 ‹Uninhabitable Objects›, Bündner Kunstmuseum Chur
2012 ‹Beruf Bauer›, Kunstmuseum Thun
2010 ‹Lands End›, Shedhalle Zürich
2007 ‹Video Lounge›, Kunsthaus Zürich



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Lukas Bardill, Gabriela Gerber, Christian Ratti [30.09.16-23.10.16]
Institutionen Haus zur Glocke [Steckborn/Schweiz]
Autor/in Katharina Ammann
Künstler/in Gabriela Gerber
Künstler/in Lukas Bardill
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