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Fokus
10.2016


 Das Verhältnis von Wahrnehmen und Denken, ausgehend von der Zeichnung, prägt das Schaffen von Sandra Boeschenstein. Die daraus resultierende Dringlichkeit von Fragen und Gedanken fanden bis vor einigen Jahren vor allem in Zeichnungen ihren Ausdruck. Ausstellungen in Zürich und Altdorf sowie im Herbst in Hamburg und Tashkent erlauben einen Einblick in die jüngste Werkentwicklung, die mit medialen Erweiterungen und neuen inhalt­lichen Akzenten aufwartet.


Sandra Boeschenstein - Werfen Fingerabdrücke Schatten?


von: Irene Müller

  
links: Mögliches wird probehalber wirklich, der Weg zurück ist schwierig, 2016, Ölkreide, Ölfarbe, Faden und Klebband auf Papier, 100x140 cm, Galerie & Edition Marlene Frei, Zürich. Foto: Eric Tschernow
rechts: Ohne Titel, 2015, Ölfarbe, Apfel, Fadenspulen, Glasplatte, Nägel, Dimensionen variabel


Müller: Lässt man deine Arbeiten der letzten Jahre Revue passieren, dann fällt auf, dass Fragen virulent geworden sind, die mit der Erfahrung von Räumlichkeit im Bild- und Realraum zu tun haben. Woher kommt dieses verstärkte Interesse?

Boeschenstein: Ich suche ein Zeichnen, welches das geschlossene Format als Möglichkeitsraum schätzt, dieses aber gleichzeitig auch gern auf die Wände und in den Raum hinein verlässt, um die Fugen der Bildrealitäten akut zu halten. Wie kann der zeichnerische Möglichkeitsraum die Vehemenz des Realraums aufrufen und zugleich verführen? Meine Aufmerksamkeit gilt dabei dem Beobachten von Brüchen und Übergängen im Wirklichkeitsgefüge. Also bietet es sich an, mediale Grenzen im Zentrum der Arbeit zu haben, so wie dies in meinem Schaffen auch die Gleichzeitigkeit von Bild und Sprache zeigt. Dort, wo ein Medium in ein anderes übergeht oder der Aggregats­zustand wechselt, sind die energetisch turbulentesten Zonen. Einerseits liebe ich da die reizenden Verlegenheiten bei der Impulsübergabe. Andererseits finden sich hier auch die exponiertesten Zonen für die Betrachtung, da sich die Wahrnehmung so schön unvermittelt selbst anschaut, mit einer kleinen Spannungsentladung in der Erkenntnis, wenn's glückt...

Nachbarschaften von Klarheit und prickelnder Uneindeutigkeit
Müller: In Arbeiten wie ‹Zimmer für Zündschnur und Biene›, 2014, wird dieses Verfugen von Realitäten explizit, und zwar in Form einer spielerisch-leichten Sprache, die mit ihrer einfachen Erscheinung die gedankliche Komplexität der Arbeit wieder in die Balance bringt. Realitätsartefakte wie die aufgespiesste Biene und der aus der Wand ragende Faden übernehmen beim Austarieren eine wichtige Rolle...

Boeschenstein: Ja, zwei kleinste Gegenstände in einem Zimmer, das eine zeichnerische Behauptung ist und auch nicht mehr als ein Gramm Grafit. Dazu die Sprache, die in ihrer genuinen Kompaktheit einfach sagt, was Sache ist, und zugleich aus demselben Meter Bleistiftlinie wie der gezeichnete Raum besteht. Frontal betrachtet bewohnen Biene und Zündschnur das Zimmer, von der Seite hingegen verschwinden Zimmer und Sprache zusehends, und nur die Artefakte ragen aus der Wand. Alles ist ambivalent gesetzt, in lebendigem Sinn nicht schlüssig. Und eigentlich: mit einer Handvoll Material ein Feld präparieren, das zur wesentlichen Investition von Realitätsgehalt seitens der Betrachter/innen anstiftet.
Letztes Jahr habe ich für die Ausstellung im Arter. Space for Art in Istanbul die Wandarbeit ‹reanimated deadlines and reinvested walks› realisiert; darin bilden 54 kleine, gezeichnete und bespielte Zimmer einen Fries, der aus Distanz wiederum als eine neun Meter lange Linie erscheint. Im Haus für Kunst Uri entwickle ich diesen Ansatz grossräumig weiter, eine zarte und flirrende Linie aus Raummöglichkeiten und andere Linienbefragungen.

Müller: Neben den Linien tauchen vermehrt konkrete Gegenstände in deinen Wandarbeiten oder Installationen auf: Vibram-Sohlen von Wanderschuhen, Bleistifte oder Fadenspulen, Biofakte wie Äpfel oder die erwähnten Bienen. Manchmal werden diese Setzungen mit Zeichnung und sprachlichem Ausdruck kombiniert, manchmal stehen sie für sich alleine.

Boeschenstein: Eine Entgegensetzung macht das Medium fragiler, aber auch virulenter. Die Zeichnung auf Papier ist nach wie vor zentral. In der Dosierung von Ausnahmen tauchen reale Gegenstände als dazwischengehende Kobolderien auf. Ich suche in den Konstellationen keinen eindeutigen Anschluss, sondern eine modellierende Differenz, die das Gleiten zwischen wirklich und möglich begünstigt.
Das erste ‹Andere› auf meinen Blättern war die Sprache. Später kam der Faden dazu: Zunächst habe ich ihn nur als mobile Linie eingesetzt, die in der Zeichnung einen Raum probehalber eröffnen kann. Ein Werkzeug des Provisorischen also, das irgendwann bleiben wollte, weil das Provisorische dem Definitiven einheizt und umgekehrt. Ebenso der Bleistift, der leicht vom Werkzeug zum Akteur «shiftet» und am Werkausschnitt schaukelt. Und manchmal liegt ein Apfel in der Nähe einer entstehenden Zeichnung, das Auge schaut ihn nebenbei mit. So kann es kommen, dass er als Mitspieler der Linien eine Dringlichkeit zeigt und deshalb die Blätter in die Ausstellung begleitet. Nach einer Bergtour habe ich einmal Bergschuhe unterhalb der Zeichnungen abgestellt; ihre Welthaltigkeit forderte unmittelbar das Bestehenkönnen der Werke neben dem soliden Gegenstand heraus. Um den Schuhen das Anekdotische zu nehmen, ist ihr Dasein nun zur Sohle gestrafft. Ein fabrikfrischer Gummi für extremes Gelände am Fusse einer weissen Wand, auf zwei Spitzen von Bleistiften stehend.

Spannweite von Werk und Wirkung
Müller: Wie definierst du denn den Radius eines Werks? Ich habe den Eindruck, dass in deinen Arbeiten die gleichzeitige und gleichwertige Zusammenführung von Extremen wie klein und gross oder manifest und flüchtig oder komplex und einfach eine starke Rolle spielt...

Boeschenstein: Wie viel von der Welt kann ich in einer Zeichnung auf dem Blatt oder mit einem Gegenstand im Raum aufrufen, und wie weit kann sich der Horizont ­eines Werks ausdehnen? Es ist der Versuch, in schlichten, kleinen Situationen oder Ereignissen etwas Weitläufiges anzubieten: zwei real sich gegenseitig auf die Spitze zeichnende Bleistifte, die gezeichnete Betrachtung des Schattens eines Fingerabdrucks - das bringt mich vorstellungsmässig auf Trab, weil die Situation unspektakulär und überschaubar ist, aber eben ohne gesicherten Horizont. Auch ein Satz wie «Mögliches wird probehalber wirklich, der Weg zurück ist schwierig» steht knapp und scharf vor mir und gewinnt erst im Denken die geschätzte Turbulenz und Weite. Ich traue der Komplexität, die sich nicht selbst präsentiert, sondern sich erst im Betrachtungsakt zeigt. Komplexität als Ornament ist mir unangenehm.

Müller: Im Medium der Sprache scheint Agilität eine Eigenschaft zu sein, die du gern ausschöpfst: ihre Elastizität, ihre semantische Reichweite, ihre abstrakte Zeichenhaftigkeit, insbesondere auch in der Begegnung von Zeichnung und Sprache in einem Bild.

Boeschenstein: Ich habe mich für das Zeichnen entschieden, weil das wendige Linienmaterial an keine bestimmte Wirklichkeit gebunden ist, sondern diese stets frisch wählt. Bruchlose Systemwechsel sind ihre Stärke. Ähnlich verhält sich die bewegliche Kraft der Sprache, die ich immer mal wieder als Teil der Zeichnung setze. Innerhalb ihrer medialen Grenzen erreicht sie das Konkrete ebenso locker wie das Absolute und kann zudem auch leicht zwischen Frage und Behauptung wechseln.
Meine Beobachtungen richten sich auf die Orte der elementaren Fügung von Bedeutung. Ich suche weder funktionale Informationsverdichtung noch Nonsens-Verbindung, sondern einen Zugang zu einer Frage, die ihrer Konsistenz und Grösse wegen nicht direkt und final erschlossen, aber scharf umspielt werden kann.

Müller: Welche Rolle kommt der Sprache dann konkret zu?

Boeschenstein: Mein Denken während der Arbeit bewegt sich in zeichnerischer Atmosphäre und Struktur, das heisst mit allseitiger Abgangsbereitschaft. Ich setze die Sprache nur da ein, wo sie in ihrer Gegenbewegung zum Bild die gezeichnete Situation weiter zuzuspitzen vermag. Eigentlich spiele ich mit der Deklarationsmacht von Sprache. Zum einen gefällt sie mir direkt, in ihrem potenten Zugriff; zum anderen bin ich daran interessiert, welche Qualität von Energie frei wird, wenn es diesem Zugriff die Finger öffnet. Ich mag beide Bewegungen gleich gern, die Aufbau- und die Zerfallsenergien von Bedeutungen. So wie ich auch die Logik schätze, und zwar ebenso in ihrem scharf funktionierenden Zentrum wie an ihren paradoxen Rändern, wo sie reizvoll ins Haltlose geht. Wenn ich beispielsweise über das Sprachbild «das Double der Ursache» nachdenke, beginnt dies schon.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich, muellersbuero@gmx.ch

Bis: 23.10.2016


Sandra Boeschenstein (*1967) lebt in Zürich
1988-89 Universität Zürich, Philosophie und Kunstgeschichte
1989-95 Hochschule der Künste Bern

Einzelausstellungen (Auswahl)
2003 ‹Das Mögliche ist die Geschwindigkeit des Wirklichen›, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen
2004 ‹Was sind deine Reste›, Akademie Schloss Solitude, Stuttgart
2009 ‹Wie weit ist es hinter den Augen hell›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2010 ‹Das Double der Ursache›, Zeppelin Museum, Friedrichshafen
2014 ‹Preisträgerausstellung Hans Platschek-Preis für Kunst und Schrift›, art Karlsruhe
2015 ‹vierzig Versuche Materie zu soufflieren›, Künstlerhaus Bethanien, Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2004 ‹In erster Linie...›, Kunsthalle Fridericianum, Kassel
2007 ‹Übergangsräume - Potential Spaces›, Württembergischer Kunstverein Stuttgart
2009 ‹Compilation IV›, Kunsthalle Düsseldorf
2015 ‹Spaceliner, ARTER Space for Art›, Istanbul; ‹Rohkunstbau XXI: Apokalypse›, Schloss Roskow,
Brandenburg
2016 ‹Zeichnungsräume. Positionen zeitgenössischer Graphik›, Hamburger Kunsthalle



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Sandra Boeschenstein [24.08.16-23.10.16]
Ausstellungen Sandra Boeschenstein, Eva Grün, Zilla Leutenegger [17.09.16-27.11.16]
Video Video
Institutionen Marlene Frei [Zürich/Schweiz]
Institutionen Haus für Kunst Uri [Altdorf/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Sandra Boeschenstein
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