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Besprechung
10.2016


Dominique von Burg :  Hochaktuell ist die Ausstellung eines beeindruckenden, facettenreichen Panoramas gesellschaftlicher Verwerfungen und menschlicher Abgründe. Mit dem Thema wird ein Rahmen gesetzt, in dem die unterschiedlichen Werke in einem atmosphärisch dichten Ambiente ihre eigene Kraft entfalten können.


St. Gallen : The Dark Side of the Moon - Das Abgründige in der Kunst


  
links: Damien Deroubaix · Die Nacht, 2007. Foto: Stefan Rohner
rechts: Martin Disler · o.T., 1985-87, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Stefan Rohner


Eine Frau in schwarzem Latexoverall kriecht am Boden umher, um ihn aufzunehmen, verwischt aber nur rotgefärbtes Wasser. Anschliessend deckt sie ­einen Tisch mit Tellern, fischt aus ihrer Jacke rohe Fleischteile, zerschneidet sie mit ­einem langen Messer in kleine Stücke, legt sie auf die Teller und serviert diese dem Publikum. Die verstörende Performance der palästinensisch-britischen Künstlerin Mona Hatoum (*1952) ist in der Videoarbeit ‹Variation on Discord and Divi­sions›, 1984, dokumentiert. Sie ist eine gewichtige Stimme in dieser Ausstellung, die über gesellschaftliche, politische und existenzielle Abgründe rätselt. Unter dem Titel ‹The Dark Side of the Moon› - in Bezug auf eine Textzeile aus dem Konzeptalbum von Pink Floyd von 1973 - sind Werke aus den Achtzigerjahren mit Gegenwartskunst, aber auch mit Altmeistergrafik kombiniert. Das Publikum fühlt sich gleich an die omnipräsenten Gewalts- und bedrohlichen globalen Kriegsszenarien erinnert.
«Terrorizer» schreit es in tropfenden knallroten Gothic-Lettern von der obersten Leiste eines Holzgerüsts dem Publikum entgegen. Darunter sind ellipsoide, grauschwarze Schilder aufgereiht und mit Begriffen wie «World Downfall», «Injustice», «Enslaved by Propaganda» oder «Fear of Napalm» beschriftet. Damien Deroubaix (*1972) sampelt aus Undergroundcartoons, Versatzstücken aus der Death-Metal-Kultur und der globalisierten Volkskunst. Auch kunsthistorische Assoziationen fehlen nicht, worauf etwa die in der Ausstellung präsentierten Blätter aus der Folge ‹Die Apokalypse›, 1496-98, von Albrecht Dürer (1471-1528) sowie die ­trashigen Zeichnungen von 1988 bis 1995 von Raymond Petitbon (*1957) verweisen. Malerische, mitunter plakativ anmutende Tableaux mit Szenen eines gewaltigen endzeitlichen Pandämoniums entstehen. So stürzen meist grossformatige, apokalyptische, düstere Bildwelten auf uns ein, die in ihrer unmittelbaren Präsenz betroffen machen.
Von nicht nachlassender Aktualität sind Marlene Dumas' (*1953) Papierarbeiten von Gefangenen mit verbundenen Augen aus der zwanzigteiligen Serie ‹Blindfolded›, 2001/02. Deren bevorstehendes Schicksal wird uns schmerzhaft vor Augen geführt. Entgegen dieser physischen Präsenz muten Martin Dislers (*1949) zerbrechliche, verrenkte Gipsfiguren im abgedunkelten Foyer des Obergeschosses fast schon gespenstisch an. Der Künstler nannte sie ‹Die Tänzer des Heute über dem Abgrund› - was aus heutiger Sicht visionär und ungemein treffend scheint.

Bis: 23.10.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen The Dark Side of the Moon [09.07.16-23.10.16]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
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